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Gründungserklärung des Wissenschaftlichen Beirats

Mittwoch, den 15. Oktober 2008 um 15:55 Uhr

Thesen zur Situation der deutschen Sprache

Die Deutschen befinden sich gegenüber anderen Nationen in einer besonderen Lage. Der für alle Völker selbstverständliche Sprachpatriotismus ist in Deutschland und Österreich angesichts ihrer jüngsten Geschichte belastet. Trotzdem macht es die aktuelle Gefährdung der deutschen Sprache als Kulturgut notwendig, jetzt für ihre Verteidigung einzutreten. Dies geschieht in den folgenden Thesen.

These 1

Der äußere Einfluß auf Wortschatz und Struktur der deutschen Sprache war noch nie so groß wie am Ende des 2. Jahrtausends: Die Anglisierung des Deutschen betrifft mittlerweile alle sozialen Schichten der Sprachgemeinschaft. Die deutsche Sprache war im 20. Jh. intensivem Einfluß der englischen Sprache und namentlich ihrer US-amerikanischen Variante ausgesetzt, was sich im 21. Jh. fortsetzen wird. Er äußert sich in einer Vielzahl von Entlehnungen und unangepaßten Übernahmen, die weit über den Wortschatz hinausreichen. Sie betreffen Teile der Grammatik und der Wortbildung und beginnen, Veränderungen zu bewirken. Dies ist kein historisch einmaliger Vorgang, wie der Blick auf das 17. und 18. Jahrhundert zeigt. Damals unterlag unsere Sprache massivem französischem Einfluß. Doch die gegenwärtige Situation unterscheidet sich qualitativ von früheren Phasen äußeren Drucks auf das Deutsche. Die gesamte Sprachgemeinschaft ist von der Anglisierung unserer Sprache betroffen. Früher war es eine zahlenmäßig kleine Ober- bzw. Bildungsschicht, die Lateinisch bzw. Französisch oder Italienisch als Wissenschafts-, Berufs- oder Konversationssprachen verwendete. Sie vermittelte der Sprachgemeinschaft viele Entlehnungen aus diesen Sprachen, die nicht nur den Wortschatz, sondern auch die Grammatik und die Wortbildung unserer Sprache bereicherten.

These 2

Die Anglisierung des Deutschen ist das Resultat der politisch-wirtschaftlichen Dominanz der U.S.A., kommunikationstechnischer Entwicklungen und unserer mangelnden Sprachloyalität. Die Vereinigten Staaten dominieren weltweit in Politik und Wirtschaft und setzen deshalb überall auch kulturelle Maßstäbe. Das Englische ist heute - nicht nur in Deutschland - die prestigereichste Sprache und die dominierende Fremdsprache. Die hauptsächlichen Transporteure von Anglizismen sind die Massenmedien, die Werbe- und Unterhaltungsbranche und die 'Öffentlichkeit'. Sie verbreiten in früher undenkbarer Geschwindigkeit und über eine früher nicht existente Vielzahl von Medien große Mengen von Anglizismen. Sie erfassen nicht nur partikuläre Wissenschafts-, Berufs- oder Konversationssprachen, sondern die Sprache als Ganzes. Die sprachlichen Auswirkungen des Internet bzw. der über das Internet zugänglichen Datenbestände sind noch unübersehbar. In Deutschland trifft diese politisch-kulturelle Hegemonie auf eine verbreitete Bereitschaft zur Anpassung und einen gravierenden Mangel an Sprachloyalität.

These 3

Die Sprachmacht ist heute in hohem Maße an Werbeagenturen, Journalisten und "Prominente" gefallen. Dies ist zu beklagen: sie muß der Sprachgemeinschaft zurückgegeben werden. Die Verfügung über die Massenmedien bringt Sprachmacht mit sich, namentlich die Möglichkeit, sprachliche Vorbilder aufzubauen bzw. zu demontieren. Große Teile der Medien und der Politik interessieren sich aber nicht für die Sprache, sondern allenfalls für die Effekte, die sich mit Sprache erzielen lassen im Dienst von Umsatz, Quote oder Wählerstimmen. Interesse für die Sprache kann von ihnen nur dann erwartet werden, wenn ihnen demonstriert wird, daß Sprachfragen bei Quote, Umsatz und Wählerstimmen eine Rolle spielen können. Die deutsche Sprache ist ein Kulturgut, das nicht Werbeleuten, Journalisten und "Prominenten" aus allen Sparten überlassen werden darf. Die Definitionsmacht darüber, was gutes Deutsch ist, wie Regeln, Normen und Sprachrichtigkeit beschaffen sind, muß ihnen bestritten werden.

These 4

Die Sprache wird nicht demokratisiert, sondern demontiert. Die Sprache sollte möglichst wenig Verstehenshindernisse aufweisen und für möglichst viele Sprachteilhaber kommunikativ beherrschbar sein, auch wenn komplexe Zusammenhänge oft komplexe sprachliche Ausdrucksformen verlangen. Durch die grassierende Anglomanie werden - ohne Not - ältere Menschen und viele Ostdeutsche, die kein Schulenglisch können, sprachlich ausgegrenzt. Schließlich hat sie dazu beigetragen, daß sprachliche Leitbilder, wie sie der Deutschunterricht vermitteln soll, außer Kraft gesetzt wurden und daß die Maßstäbe sprachlicher Ästhetik und stilistischer Angemessenheit verlorenzugehen drohen. Die Anglisierung hat einen geschmack- und stillosen Jargon hervorgebracht und salonfähig gemacht. Das hat man so nicht gewollt: es ist ein 'Phänomen der dritten Art'. Faktisch handelt es sich um einen ungeplanten, dezentralen Putsch gegen die Sprache, der ihren strukturellen Kern zu bedrohen beginnt. Diesem Putsch muß begegnet werden, und zwar in den Schulen und Universitäten, den Redaktionen und Werbeagenturen.

These 5

Das Deutsche ist in einigen Fachgebieten als Kommunikationsmittel ungebräuchlich geworden und droht unbrauchbar zu werden. Es ist in Gefahr, seinen Status als Wissenschafts- und Kultursprache zu verlieren. In vielen Bereichen der Forschung, der Technik und der Wirtschaft ist versäumt worden, geeignete deutsche Terminologien zu entwickeln und sie ständig der Entwicklung anzupassen. In vielen Wissenschaften wird nicht oder kaum mehr auf Deutsch publiziert. So müssen die Forscher das Englische verwenden, um in ihrem Fach arbeiten zu können. Das ist eine bedrohliche Entwicklung für die Wissenschaften in den deutschsprachigen Ländern: die Muttersprache als Instrument und Medium des Denkens wird unbrauchbar. Dasselbe gilt für einige Gebiete des täglichen Lebens, z. B. für den Bereich der Kleincomputer und das Internet, große Teile der Unterhaltungsbranche, Teile des Handels und der Industrie. Diese Entwicklung wird zu einer sprachlichen Spaltung der Gesellschaft führen, wenn ihr nicht entgegengetreten wird: viele Menschen werden in Kontexten, die nur noch auf Englisch funktionieren, nicht mehr agieren können.

These 6

Die Sprachwissenschaft und die sprachpflegenden Institutionen haben diese Entwicklung ignoriert und sich so aus ihrer Verantwortung für unsere Sprache gestohlen. In der Sprachwissenschaft gilt die unbestrittene methodische Leitlinie, daß die zentrale Aufgabe die kontrollierbare Dokumentation, Beschreibung und Analyse der Sprache ist. Dieser Leitlinie widerspricht es nicht, wenn dokumentier-, beschreib- und analysierbare Sprachentwicklungen nach soziolinguistischen, sprachsoziologischen und sprachpolitischen Gesichtspunkten gewichtet und bewertet werden. Empirische und deskriptive Objektivität dürfen nicht als Ausrede für szientifischen oder sprachpolitischen Nihilismus dienen. Die deutsche Sprache ist nicht nur Gegenstand der germanistischen Linguistik, sondern muß auch Gegenstand ihrer sprachpolitischen Sorge und ihres kulturpolitischen Interesses sein. Die sprachpflegenden Institutionen müssen sich fragen lassen, weshalb sie die offenbaren Gefahren, die in der aktuellen Entwicklung liegen, nicht nur nicht sehen wollen, sondern schlankweg bestreiten. Beides ist aus fachlicher Sicht unhaltbar. Ihre Haltung genießt staatliche Billigung, die sich in finanzieller Förderung äußert. Das ist ein Politikum.

These 7

Es besteht dringender Bedarf an professioneller Planung der Entwicklung und Verwendung der Sprache (Sprachplanung). Die Anglisierung des Deutschen ist keine naturgesetzliche Entwicklung, die man nur beobachten und registrieren könnte. Es ist eine Entwicklung, die sprachliche, kulturelle und politische Gleichgültigkeit und schlechter Geschmack erst möglich gemacht haben. Man kann sie bekämpfen: Sprachentwicklungen sind in bestimmtem Umfang lenkbar. Sie sind sowohl im Hinblick auf die Sprache selbst (sog. Korpusplanung) als auch im Hinblick auf die Sprachverwendung (sog. Statusplanung) steuerbar. Dies erfordert politischen Willen und professionelle Planung. Viele Anglizismen sind entbehrlich, weil das Deutsche im Prinzip über eigene Bezeichnungsmöglichkeiten verfügt; sie müssen allerdings verfügbar gemacht werden. Notwendig ist eine Institution, die Gegenentwürfe für bereits anglisierte Terminologien erarbeitet und die weitere Entwicklung aktiv mit durchdachten Übersetzungen und Neuprägungen begleitet. Ihre Vorschläge wären als Angebote zu verstehen; Ausübung von Sprachzwang sollte ihr fernliegen.

These 8

Die Verteidigung einer guten, flexiblen und anspruchsvollen Sprache ist keine Deutschtümelei, sondern das Bekenntnis zu einem kulturellen Erbe, und sie dient der Erhaltung der Funktionsfähigkeit des Deutschen für spätere Generationen. Das Eintreten gegen die Anglisierung des Deutschen und für aktive Sprachplanung wird oft als deutschtümelnd und 'rechts', als undifferenzierter Purismus oder als wissenschaftsfremd denunziert. Es ist zu fragen, welche Motive hinter solchen Denunziationen stecken, denn es kann schlechterdings nicht bestritten werden, daß unsere Sprache erheblich beschädigt worden ist. Doch sie soll auch künftigen Generationen als vollwertiges Verständigungsmittel und als Rohstoff für sprachliche Kunstwerke dienen können. Aus diesem Grund muß den gegenwärtigen Entwicklungen entgegengetreten werden. Diese Haltung mag konservativ genannt werden: sie dient der Bewahrung eines unverzichtbaren Kulturguts.

Fazit

Auf der Grundlage der vorstehenden Überlegungen werden die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats den VDS mit ihrem fachlichen Rat begleiten und unterstützen. Sie begrüßen es, daß der VDS den verbreiteten Unmut über die jüngste Sprachentwicklung aufgegriffen und ihm einen organisatorischen Rahmen gegeben hat und daß er sich bemüht, der Sprachentwicklung eine andere Richtung zu geben. Denn die Sprache entwickelt sich nicht einfach vor sich hin. Ihre Entwicklung ist nicht nur analysierbar, sondern auch lenkbar. Das Goethewort, demzufolge die Stärke einer Sprache sich darin beweist, daß sie Fremdes nicht abweist, sondern verschlingt (Maximen und Reflexionen), ist für das Deutsche vielfach bewiesen. Doch wird sich unsere Sprache den Magen verderben, wenn sie weiterhin mit Anglizismen überfüttert wird.

Hannover, den 23. Oktober 1999

 

Medienecho

Für VDS-Mitglied Reiner Pogarell, Leiter des Instituts für Betriebslinguistik und Sprachberater, war das Jahr 2000 ein Tiefpunkt, was die Stellung der deutschen Sprache angeht. Warum? „Wenn damals ein deutsches Unternehmen mit 10.000 Mitarbeitern ein Werk in Tschechien mit 200 Mitarbeitern gekauft hat, wurde deshalb Englisch zur Arbeitssprache auf allen Ebenen erklärt.“ Daraus resultierte, dass Fachkräfte in Konferenzen aufgrund mangelnder Englischkenntnisse schweigsam wurden. Pogarell: „Die Plapperer haben alles an sich gerissen.“ („Klartext tut gut“, FAZ vom 15.02.2009)

 

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stiftungdsDie Stiftung Deutsche Sprache ergänzt die Vereinsarbeit. Sie wurde 2001 aus der Überzeugung ge­gründet, dass die deutsche Sprache ein Gemeingut von hohem Wert ist, das der bewussten Förderung und Entwicklung bedarf. Die Stiftung fördert die Erhaltung, Pflege und Weiterentwicklung dieser Sprache. Sie ist weltanschaulich neutral, politisch unabhängig und verfolgt ausschließlich gemeinnützige Zwecke.

Sprüche

„Um die deutsche Sprache ist es nicht gut bestellt. Schuld daran sind die Werbung, ein Teil der Medien und auch einige Politiker. Sie wollen der deutschen Sprache den Garaus machen. Doch der Versuch, sie abzuschaffen, wird scheitern.“

Hans Magnus Enzensberger am 21.10.2007 in der Bildzeitung