Sprachpolitische Leitlinien
Worum es geht
Europas Sprachen und Kulturen stehen unter starkem Globalisierungsdruck.
Sie verlieren weltweit an Geltung und werden in zunehmendem Maße von angloamerikanischem
Sprach- und Kulturgut beeinflußt. Dies führt zu einem Identitätsverlust
der betroffenen Völker und Volksgruppen
(vgl. UNESCO-Erklärung vom 2. November 2001).
Immer mehr Sprecher und Schreiber in Europa übernehmen angloamerikanische
Wendungen in ihren Sprachgebrauch. Diese Entwicklung ist nicht nur eine Modeerscheinung
- sie schwächt vielmehr auch die sprachliche und kulturelle Eigenständigkeit
der europäischen Länder bis hin zur politischen, kulturellen und wirtschaftlichen
Abhängigkeit Europas von den USA. Die sprachliche Eigenständigkeit
als wichtigstes Merkmal der wirtschaftlichen und kulturellen Selbstbehauptung
der europäischen Länder droht so allmählich verloren zu gehen.
Verstärkt wird diese Entwicklung durch die zunehmende Verdrängung
der nicht-englischen Sprachen aus den Ämtern und Gremien der Europäischen Union. Kürzlich getroffene
Sprachentscheidungen zum Patentrecht liefern hierfür ein eindrucksvolles
Beispiel.
In den deutschsprachigen Ländern ist die Anglisierung und Amerikanisierung
der Landessprache(n) besonders weit fortgeschritten.
Die Geringschätzung der Muttersprache, der Mangel an Sprachloyalität
gefährden in diesen Ländern die Funktion der Sprache als gesellschaftliches
Verständigungsmittel. Gleichzeitig (v)erklären tonangebende Sprecher,
Meinungsführer und Politiker die Amerikanisierung zu einer begrüßenswerten
Folge der Globalisierung. Aus der häufigen Verwendung englischer und scheinenglischer
Ausdrücke, die als "modern" gilt und mit der man zu imponieren
trachtet, ergeben sich Verständigungs- und Eingliederungsprobleme bis hin
zur sprachlichen Diskriminierung entgegen Artikel 3, Absatz 3 unseres Grundgesetzes
("Niemand darf wegen (...) seiner Sprache (...) benachteiligt (...) werden.").
Der Wortschatz einer Kultur, mitunter ihr genokultureller Code genannt,
ist von jeder Generation neu zu entschlüsseln und zu deuten.
Ein ungeschriebener Generationenvertrag erleichterte bisher der Folgegeneration
den sprachlichen Zugang zur eigenen Kultur und Geschichte und in eine selbst
gestaltete Zukunft. Eine verbreitete Geringschätzung unserer Landessprache,
allerorten erkennbar an einem "falschen Englisch im Deutschen", stellt
heute diesen Generationenvertrag in Frage. Der Zwang zum ständigen Wechsel
zwischen zwei Sprachsystemen mit unterschiedlicher Grammatik und Rechtschreibung
beeinträchtigt die Bereitschaft unserer Kinder und Enkel, die deutsche
Sprache weiterhin schöpferisch zu nutzen und die Wirklichkeit mit ihrer
Hilfe treffsicher zu bezeichnen. Neuesten Studien zufolge ("PISA"
2001/2002) handelt es sich dabei um ein spezifisch deutsches Sprach und Bildungsproblem.
Die zunehmende Verwendung von angloamerikanischen Wörtern und Wendungen
verändert die deutsche Sprache heute schneller und umfassender als Latein
und Französisch in früheren Jahrhunderten.
In früheren Jahrhunderten benutzte fast nur der kleine Kreis der Eliten
Wörter und Wendungen aus anderen Sprachen. Heute dagegen fördern Werbung
und Medien das Eindringen angloamerikanischer Wörter in die Alltagssprache
aller Bevölkerungsschichten. Fast alles vermeintlich oder tatsächlich
Neue erhält - oft unklare - anglisierende Bezeichnungen. Bisher haben sich
weder Kulturträger noch Politiker in ausreichendem Maße für
die Stärkung der deutschen Sprache eingesetzt. Aus diesem Grunde müssen
die Bürgerinnen und Bürger nunmehr selbst die Initiative ergreifen
und aktiv werden! Der VDS sieht darin eine kulturpolitische Herausforderung
ersten Ranges. Vor allem die staatlichen und kulturellen Einrichtungen sowie
die öffentlich-rechtlichen Medien müssen dazu gebracht werden, endlich
wieder mehr Loyalität zur deutschen Sprache aufzubringen und liebevoller
mit ihr umzugehen.
Viele Wissenschaftler machen ihre Fachsprachen zum Einfallstor für
englische Wörter in die deutsche Sprache. Sie lassen zu, daß sie
durch die englische verdrängt wird und ihre Fähigkeit zu wissenschaftlich
differenziertem Ausdruck verliert.
Zum Wissens- und Gedankenaustausch über Sprachgrenzen hinweg ist das Englische
in allen Wissenschaften zweifellos von Nutzen. Verhängnisvoll wäre
es allerdings anzunehmen, englischsprachige Fachausdrücke und Texte bedürften
keiner Übersetzung mehr oder die Wissenschaftler sollten nur noch englisch
sprechen (und denken). Jede Fachsprache, in der kreativ gedacht wird, wurzelt
(mit Ausnahme formaler Sprachen) in einer entwickelten Kultursprache und greift
ständig auf deren muttersprachlichen Wortschatz und Vorrat an erklärenden
Wendungen und Bildern zurück. Dies gilt auch in den Naturwissenschaften.
Aus einigen ihrer Teildisziplinen hat sich die deutsche Sprache jedoch schon
fast völlig verabschiedet.
Wir sehen unsere Einschätzung und die aus ihr folgenden Forderungen
bestätigt durch die "Allgemeine Erklärung der UNESCO zur kulturellen
Vielfalt", beschlossen auf deren 31. Generalkonferenz am 2. November 2001:
Nach dieser Erklärung soll "jeder die Möglichkeit haben, sich
selbst in der Sprache seiner Wahl auszudrücken und seine Arbeiten zu erstellen
und zu verbreiten, insbesondere in seiner Muttersprache." In den zugehörigen
Leitlinien für den UNESCO-Aktionsplan werden u. a. folgende Forderungen
erhoben:
"(5) Erhaltung des sprachlichen Kulturerbes der Menschheit und Unterstützung
der Ausdrucksformen, des Schaffens und der Verbreitung in einer höchstmöglichen
Anzahl von Sprachen.
(6) Förderung der sprachlichen Vielfalt bei Respektierung der Muttersprache
auf allen Bildungsebenen (...)."
Unsere Forderungen
an die Wissenschaft:
Erhaltung und weiterer Ausbau der deutschen Sprache in Forschung und Lehre;
Deutsch als gleichberechtigte Konferenzsprache auf Kongressen in Deutschland;
an die Kultusminister:
Deutschunterricht an den Schulen verbindlich bis zum Abitur;
an die Verbände für Verbraucherschutz:
Wahrnehmung ihres Auftrages auch im Sinne einer sprachlichen Produktsicherheit;
an Firmen, Ämter und öffentlich-rechtliche Anstalten:
Erfüllung der Informationspflicht in der Landessprache, anstatt uns als
Kunden und Bürger mit englischsprachigen
Bezeichnungen zu verunsichern oder abzufertigen;
an Politiker, Schriftsteller, Journalisten, Sprach- und Kulturwissenschaftler:
Das Anglizismen-Problem endlich zu erkennen und Partei für die deutsche
Sprache zu ergreifen;
an Funktions- und Vertrauensträger der Gesellschaft:
Besondere Loyalität gegenüber unserer Sprache aufzubringen. Ein Blick
auf unsere französischen und polnischen Nachbarn kann dazu ermutigen.
Wir fordern nicht,
daß das Deutsche grundsätzlich von Amerikanismen und Anglizismen
freigehalten oder vor ihnen "geschützt" werden soll. Das Deutsche
ist wie viele andere Sprachen Europas eine Mischsprache. Auch ihr Wortschatz
läßt sich durch Wörter und Wendungen aus anderen Sprachen mitunter
bereichern.
Wir wünschen uns für Europa
- die Wahrung und strukturelle Sicherung der kulturellen und sprachlichen
Vielfalt durch entsprechende Bestimmungen in einer künftigen europäischen
Verfassung;
- die Bereitschaft auch anderer Sprachgruppen, sich für die Erhaltung
ihrer Muttersprachen und die Vielsprachigkeit Europas einzusetzen;
- die Verfügung von mindestens zwei Pflichtfremdsprachen, davon eine
Nachbarsprache, in allen weiterführenden Schulen der EU;
- die systematische Förderung der aktiven und passiven Mehrsprachigkeit
europäischer Beamter und Politiker sowie eine ausgewogene funktionale
Mehrsprachigkeit (4-6 Arbeitssprachen) in den EU-Gremien und dementsprechend
eine dem demographischen und ökonomischen Gewicht der deutschsprachigen
Länder angemessene Berücksichtigung von Deutsch als Arbeitssprache.
Was wir tun
Wir wehren uns in Zuschriften, Beiträgen in den Medien und durch praktische
Aktionen dagegen,
- daß Waren und Dienstleistungen in Deutschland immer häufiger
(ganz oder teilweise) in englischer oder scheinenglischer Sprache beworben
und ausgezeichnet werden,
- daß ganze Bevölkerungsgruppen durch die Mischmaschsprache "Denglisch"
vom sozialen Leben ausgegrenzt werden,
- daß wir nicht nur in den privaten, sondern sogar in den öffentlich-rechtlichen
Medien aus gedankenloser Effekthascherei mit Amerikanismen und Anglizismen
traktiert werden,
- daß ausgerechnet die Nachfolgeunternehmen der Staatsbetriebe Bahn
und Post sowie führende Banken, Telekommunikationsfirmen und Sportvereine
einprägsame deutsche Bezeichnungen durch angloamerikanische Ausdrücke
oder ähnlich klingende Eigenschöpfungen verdrängen.
Wir suchen die sprach- und bildungspolitische Zusammenarbeit
mit Politikern, Lehrern, Firmen, Behörden, Journalisten, Schriftstellern
und den entsprechenden Berufsfachverbänden, mit der Konferenz der Kultusminister
und den Wissenschaftsorganisationen, mit dem Bundesbeauftragten für Fragen
der Kultur und der Medien, mit der Bundeskulturstiftung und weiteren kultur-
und sprachpolitischen Einrichtungen.
Wir informieren
auf den VDS-Internetseiten, in Broschüren und in den "Sprachnachrichten"
über unsere Ziele und Aktionen. Wir
setzen uns in der Sammlung "Argumente für die deutsche Sprache"
mit den Vorurteilen auseinander, die dem Eintreten für mehr Sprachloyalität
in Deutschland immer noch entgegengebracht werden.
Wir bieten mit dem Anglizismen-INDEX
ein Werkzeug an, mit dem der Gebrauch von Anglizismen sinnvoll beschränkt
werden kann. Er enthält derzeit rd. 6.800 Einträge mit Übersetzungsvorschlägen.Über
ein Interaktiv-Fenster kann er ergänzt und verändert werden. Die Buchausgabe
ISBN 9783-931263-80-5 ist über den VDS Buchversand erhältlich
Wir erstellen Fragebögen
zu sprachpolitischen Fragen und überprüfen deren Beantwortung durch
die Kandidaten/Abgeordneten während und nach Bundestags-, Landtags- und
Kommunalwahlen.
Der "Verein Deutsche Sprache" wurde im November 1997
in Dortmund gegründet.
Verein Deutsche Sprache e.V.,
Postfach 104128 44041 Dortmund
www.vds-ev.de © VDS-ev, 2006
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