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Monika Elias
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Prof. Gert Ueding - Man spricht deutsch

Ein Land ohne Selbstbewusstsein und geistige Strahlkraft muss sich nicht wundern, wenn seine Sprache im Ausland an Geltung verliert, schreibt Gert Ueding, Deutschlands einziger Rhetorik-Professor

Von Gert Ueding

Deutsch für Ausländer? "Das Deutsche ist eine herrliche Sprache für Poesie (...), aber sehr prosaisch in der Unterhaltung", meinte vor fast zweihundert Jahren Madame de Staël in ihrem berühmten Buch "Über Deutschland" und fügte sogar noch hinzu, dass auch diese Prosa sich mehr an der Schriftsprache als am mündlichen Gebrauch orientiere.

Darin sah sie einen Hauptgrund für das mangelnde Interesse ihrer Landsleute und der meisten Ausländer an der deutschen Sprache: eine vielleicht immer noch höchst aktuelle, jedenfalls bedenkenswerte Diagnose, wenn heute allenthalben vom "schwindenden Interesse an der deutschen Sprache im Ausland" die Rede ist - so etwa vor wenigen Wochen auf dem Erlanger Germanistentag oder in den Rechenschaftsberichten der Goethe-Institute.

Denn Ziel und Methodik der Fremdsprachendidaktik haben sich in den letzten Jahrzehnten in ganz Europa stark verändert. Nicht mehr die Literatur ist das wichtigste Übungsfeld und Beispiel, sondern die gesprochene Sprache; der Schüler soll nicht mehr befähigt werden, Balzac oder Proust, Shakespeare oder Faulkner im Original zu lesen und zu verstehen, er soll sich im Alltag des jeweiligen Landes orientieren, dort eine Unterhaltung und möglicherweise fachliche Diskussion bestreiten oder seine beruflichen Interessen wahrnehmen können.

Sehr geschmeidig ist die deutsche Sprache für dergleichen Absichten nicht, auch bietet sie keine Schwundstufe für die alltägliche Verständigung wie das Englische. Dass im Zeichen der neuen Medien und unter dem Schlagwort der Globalisierung der Sprachunterricht nochmals auf die unmittelbaren Zwecke alltäglicher Nützlichkeit verkürzt wird, lässt sich schon an den Berichten ablesen, die die Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Goethe-Institute füllen. Deren Kampf ums Überleben eröffnet ein weiteres trübes Kapitel der deutschen Sprachpolitik im Ausland, nachdem man hier zu Lande offenbar mehr und mehr davon überzeugt ist, dass die Deutschland-Werbung von den Werbeagenturen wirksamer betrieben wird als von den Sprachlehrern oder gar jenen Schriftstellern, die man auf schlecht besuchte Lesereisen durch die Welt schickt.

Das ist gar nicht einmal falsch, denkt man, wie wir es längst eingeübt haben, nur noch in Quoten. Doch lässt sich der Weg zum Wissen auch beim Spracherwerb nicht beliebig kürzen, und haltbare Überzeugungen vermittelt keine Sprache, die schnell für den täglichen Umgang eingepaukt wird.

Der nahezu universale Siegeszug des Englischen wird gewöhnlich als wichtigste Ursache für die mangelnde Attraktivität anderer europäischer Sprachen genannt. Das leuchtet auf den ersten, aber auch nur auf den ersten Blick ein. Gewiss übertrifft die Verbreitung des Englischen diejenige aller anderen europäischen Sprachen, gewiss hat es sich in vielen, gerade den heute dominierenden Wissenschaften und ihren Techniken durchgesetzt, und ohne Zweifel kommt man mit ihm auch als Reisender am weitesten - und sei es mit Hilfe des Pidgin-Englisch bis zu den fernsten Rändern des alten Kolonialreiches.

Die reale ökonomische und politische Macht erhöht die Attraktivität einer Sprache, das ist eine Binsenweisheit, doch macht sie den Rückfall des Deutschen gerade in der Konkurrenz um den zweiten Platz im Fremdsprachenerwerb nicht etwa verständlicher. In Europa ist der deutsche Sprachraum der größte, noch vor dem französischen oder gar spanischen und italienischen, und die Wirtschaftsmacht, die das Deutsche repräsentieren könnte, steht in der Europäischen Union an der Spitze. Dennoch wählen immer mehr Franzosen statt des Deutschen als zweite Fremdsprache das Spanische, sinkt der Anteil der Deutsch sprechenden Ausländer in Osteuropa rapide und gelingt es nur mit massiven politischen Interventionen, die Rechte des Deutschen als Konferenzsprache der EU wenigstens einigermaßen zu wahren.

Sogar auf dem (gemeinsam beschlossenen) Papier rangiert Deutsch nach Englisch und Französisch erst an dritter Stelle, ist in der Realität aber noch sehr viel weiter abgeschlagen: Allenfalls ein Prozent der EU-Dokumente ist auf Deutsch abgefasst, es gibt deutsche Beamte und Mitarbeiter in Brüssel, die das Englische, manchmal gar das Französische besser beherrschen als ihre Muttersprache, und deren Gebrauch sie daher, wo immer es geht, vermeiden.

Der Vorschlag, sie vom Dienst zu suspendieren, greift zu kurz, denn tatsächlich verwirklichen sie nichts anderes als die Richtlinien der deutschen Sprachpolitik, deren grenzenlose Anbiederungslust bis zur Selbstaufgabe reicht. Auch hängt die Anziehungskraft einer Sprache noch von einer Fülle weiterer Faktoren ab, von denen übrigens die touristische Attraktivität des Landes nicht der unwichtigste ist. Frankreich steht unter den Reiseländern an der Spitze, und das ist nicht allein Folge begünstigter geografischer und klimatischer Verhältnisse.

Das Selbstbewusstsein, mit dem es sich als Spitzenprodukt der kulturellen und politischen Geschichte Europas präsentiert, grundiert die Speisekarte jedes auch nur einigermaßen belangvollen Restaurants, leuchtet aus den feudalen Hochburgen an der Loire ebenso wie aus den Denkmälern der Großen Revolution und ist in den Sälen des Louvre genauso gegenwärtig wie in den Cafés im Quartier Latin. Man vergleiche dagegen das klein karierte Gerangel um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, das schlechte Gewissen, das sich am Nürnberger Nationalmuseum entzündet, die mediokre Verlegenheit, mit der die Bedeutung Weimars für die europäische Kultur auf eine Provinzattraktion heruntergeschraubt wird.

"Die Sprache spricht", hat Heidegger (in anderem Zusammenhang) gesagt, und jede Sprache spricht in höchst einmaliger, durch kein anderes Idiom zu ersetzender Weise aus, wie ein Volk seine Welt und die Natur vermenschlicht hat. Es gibt keinen besseren, keinen wirkungsvolleren Botschafter eines Landes als seine Sprache, wer sie aufgibt, verzichtet auf Wahrnehmung und Wirkung, die einzigen Werte jenseits des Geldes, die zählen und keinen Börsenschwankungen ausgeliefert sind.

Madame de Staël empfahl ihren französischen Lesern Deutsch als die Sprache Goethes und Schillers, Schlegels und Tiecks; in Russland lernte man Deutsch, um E. T. A. Hoffmann, Brentano, Heinrich Heine im Original lesen zu können; und in Italien wollte man sich einst ohne den Umweg der Übersetzung von Kant, Hegel, Schopenhauer inspirieren lassen. Doch hat die geistige Kultur Deutschlands an Glanz und Bedeutung verloren. In ihr wird nichts Weltbewegendes mehr verhandelt, ihre Themen sind bloß von regionalem Interesse, und was sie an individualistischen Flausen hervorbringt, ist einen Tag später schon vergessen.

Wir sind in diesen Tagen Zeugen eines niveaulosen Gezeters, mit dem deutsche Schriftsteller die Feuilletons und Fernsehrunden überziehen, sich buchstäblich als "Gewissen der Nation" aufspielen und doch nur dem saturierten Mittelmaß der kleinbürgerlichen Mehrheit ein gutes Gewissen und die geistige Bestätigung liefern. Dies auch in einem Stil, in dem der platte Gemeinplatz und ideologischer Schematismus vorherrschen. Da spricht ein Modephilosoph vom "Rückfall in die Kategorien (!) des Kalten Krieges", und ein Literaturnobelpreisträger sieht auch bei uns "zahllose (!) Menschen in Abschiebeanstalten in Haft", warnt aber seinen politischen Gegner: "Er soll seine Worte hüten." Das alles sind gesinnungstüchtige Übungen der notorischen Rechthaber gegen die ebenso notorischen Unrechthaber; eine intellektuelle Debatte von Niveau und in geschliffener, unverbrauchter Sprache, wie sie einst französische Intellektuelle angesichts des Algerienkriegs führten, wird man vergebens suchen.

Dergleichen Denkarmut und Sprachverramschung schreckt ab, dass daraus auch keine künstlerischen Impulse kommen können, liegt auf der Hand. Die Zentren der Literatur, Malerei, Philosophie oder Musik befinden sich in Paris und Buenos Aires, New York und Mailand, London und Amsterdam. Hinzu kommt noch ein Grund, den wiederum Madame de Staël schon nannte, nämlich der typisch deutsche "Mangel an Vorurteilen zu ihren (also der Deutschen) Gunsten". Wie soll man andere von der Schönheit, dem Reichtum, der welterschließenden Kraft der eigenen Sprache überzeugen, wenn man selber daran zweifelt? Goethes Faust drängte es, die Bibel "in mein geliebtes Deutsch zu übertragen", und mehr als eineinhalb Jahrhunderte, bis zur Reichsgründung 1870, galt wenigstens den deutschen Intellektuellen der Sprachpatriotismus als das sicherste Unterpfand der ersehnten staatlichen Einheit.

Davon ist nichts geblieben. Noch nie haben Schriftsteller so schludrig geschrieben, haben Politiker seichter und ungeschliffener geredet, ist die deutsche Sprache an deutschen Schulen mehr vernachlässigt worden als heute - von der Sprache in Werbung und Massenmedien ganz zu schweigen. Nur die Franzosen kämpfen noch gegen den Sprachimperialismus des Englischen, ihr Stolz auf die eigene Sprach- und Rede-Kultur ist ungebrochen und ihre europäische Sprachpolitik hartnäckig und kompromisslos.

Sollen sie mit dem Deutschen eine Sprache lernen, die sich selber schon aufgegeben hat und die man in Deutschland nicht einmal den Immigranten so recht zumuten will? Beinah überall in Europa hat sich zudem eine Entlastungs-Pädagogik durchgesetzt, die die Wege des geringsten Widerstands kultiviert und eine Höchstzahl an Schulabsolventen mit allgemeiner Nivellierung ihrer Bildung erkauft. Daher zum Beispiel die Attraktivität des Spanischen an deutschen und französischen Schulen. Denn die deutsche Sprache ist schwierig, Schwieriges aber hat man längst gelernt zu vermeiden. Immerhin, an den französischen Eliteschulen gilt es noch als Auszeichnung, des Deutschen mächtig zu sein, und philosophische Kongresse in Italien verzeichnen immer wieder das Deutsche als Konferenzsprache.

Wie rührend und verräterisch wirkt daneben der Appell deutscher Wissenschaftler, auf Tagungen im Lande "neben Englisch immer auch (!) Deutsch" vorzusehen! Seit ihrem 50-jährigen Jubiläum firmieren die Goethe-Institute mit dem Zusatz "Inter nationes" - die Anglisierung der lateinischen Phrase wird nicht lange auf sich warten lassen. Die Germanisten schließlich, die sich jetzt so beredt über die mangelnde Akzeptanz des Deutschen im Ausland beklagen und dafür alle anderen verantwortlich machen, sind selber Teil der Misere. Denn diese Wissenschaft von der deutschen Literatur und Sprache ist zwar allen intellektuellen Moden hinterhergerannt, hat sich in unendlichen Methodendiskussionen verstrickt und ganze Halden belangloser Sekundärliteratur produziert, doch zur Kultivierung des Deutschen in Rede und Schrift seit beinah 50 Jahren nichts mehr beigetragen.

Als es galt, die deutsche Sprache gegen ihre verschlimmbessernden Reformer zu verteidigen, befanden sich die Germanisten entweder sowieso auf der falschen Seite oder sie arbeiteten längst am Umbau ihrer Disziplin in eine strömungsgünstige Medienwissenschaft, um ja nicht den Anschluss an den Fortschritt zu verpassen. So regte sich natürlich auch kein Protest, als die ersten Hochschulen in Deutschland gegründet wurden, an denen das Englische die allgemeine Lehr- und Lernsprache ist. Dass damit eine empiristische, pragmatische Denk- und Forschungsorientierung sprach-naturgemäß verbunden ist, bleibt den von Kant, Hegel und allen sonstigen guten Geistern längst verlassenen Wissenschaftsfunktionären verborgen.

Warum sollen zudem ausländische Studenten an einer englischsprachigen Hochschule in Deutschland studieren, wenn man das in Cambridge, Oxford oder Harvard so viel besser kann? (Es sei denn, man lockt sie mit allerlei anderen Vergünstigungen, um im globalen Wettbewerb um international einsetzbare Fachkräfte wenigstens etwas mithalten zu können.) "Die Sprache eines Volkes", so hat es Ernst Moritz Arndt, einer der ältesten ideologischen Gründerväter der Germanistik, formuliert, "ist der hellste Spiegel [...] seines geistigen Lebens." Wenn dies trübe ist, wird sich auch niemand des Spiegels bedienen wollen. Oder umgekehrt: Nur die weit hinausstrahlende und doch selbstgewisse Kultur schafft das Interesse an ihrer Sprache.

Dieser Text erschien am 28.10.2001 in der Welt am Sonntag