Gruppenleiter

Monika Elias
VDS e.V. Büro Dortmund

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Guido Kohlbecher - Thesen zum Fremdwortgebrauch

Wir sollten auf keinen Fall den Mut zu früh verlieren, wenn es um schon "eingebürgerte" Amibrocken geht, alleine schon, um die Ergiebigkeit deutscher Wortbildungsmöglichkeiten umfassend und schöpferisch selbst auszuprobieren. Was im anglophonen Bereich täglich lanciert und auch wieder verworfen wird, ist ja schwindelerregend. Wir übernehmen wahrscheinlich immer die Ladenhüter, das Neueste von vorgestern und kommen uns dabei ganz toll vor. Es gibt ja eben keine Regulatoren bei uns, die aus der reichen englischen Alltagsspracherfahrung heraus beurteilen könnten, was schon wieder altmodisch klingt, was überhaupt nur eine Eintagsfliege sein kann (Werbesprache!), was wirklich originelle, taugliche Wortbildung ist, die bei den meisten Muttersprachlern auf Dauer auch ankommt. Daher kann jeder hierzulande mit dem Geliehenen machen, was er lustig ist! Und keiner ist eigentlich wirklich befugt, ihn dabei zu korrigieren: weil alle Deutschen natürlich dasselbe Recht des Mißbrauchs des Fremden haben. Im Deutschen haben wir ein feines Gespür für alles bloß Modische, Scheinaktuelle, Angeberische, Unechte, Aufgemotzte, den deutschen Regeln Gewalt Antuende (cf. "Die meiste Kreditkarte"). Dieses keineswegs individuelle, beliebige, sondern von allen geteilte "Sprachgefühl" des Muttersprachlers geht uns für Fremdes natürlich ab. Daher mein Hauptargument gegen den künstlichen, selbstfabrizierten Schmuckwert der fremden Federn:

THESE 1: Das entliehene Element gewinnt seinen konnotativen (emotionalen, suggestiven) Mehrwert erst durch den Gebrauch in der entleihenden Sprache, in der es ja als Fremdes erst auffallen kann und in der ihm Beliebiges an positivem Affekt: Aktualität, Modernität, soziale Statusaufwertung, Jugendlichkeit, technische Überlegenheit etc. zugeschrieben werden kann. Das Paradoxe liegt darin, daß dieser Schwellwert - durch den Markt mit Preisüberhöhung unterstützt und bestätigt - in der Herkunftssprache gar nicht existiert, den eigentlichen Benutzern (ca. 350 Millionen) also "vorenthalten" bleibt.

Beispiel: "mountain bike": das von jugendlichen Deutschen als "bergbauernprirnitiv" empfundene "Bergrad" ist für den Anglophonen eben nur das: ein für steiles Gelände taugliches robustes Rad. (Geländerad, wie die Franzosen schön sagen: "vélo tout terrain" = VTT)! Nur mit Mühe kann man Deutschen verdeutlichen, daß sie dabei einer Selbsttäuschung aufsitzen. Das "deutsche" MOUNTAINBIKE müßte im Englischen natürlich BERGRAD heißen, um denselben positiven Verfrerndungseffekt zu erzielen. Wir übernehmen also etwas, was es in der gewünschten, großartigen, angeblich selbst nicht nachbildbaren Form gar nicht gibt, einen unbewußt auf Fremdes projizierten Wunschwert. Die Gründe dafür sollen hier nicht untersucht werden.

THESE 2: Die eigentlich angemessene Nachahmung des Englischen bestünde gerade darin, keine Fremdwörter zu entleihen, denn es gibt im Englischen kaum welche, jedenfalls keine mindestens in der Aussprache nicht assimilierten. Das Englische verläßt sich auf seine reichen eigenen Möglichkeiten der Wortneuprägung oder sernantischen Erweiterung von Vorhandenem. Da das Deutsche als germanische eine sehr verwandte Sprache ist, besitzen wir prinzipiell ähnliche Wortbildungspotentiale. Die oft als Vorzug des Englischen angeführte schlagende Knappheit, die oft nichts als Hemdsärmeligkeit und - bei genauer Übersetzung - eher Banalität oder gar Primitivität ist, kann für unsere Sprache kein ausschlaggebender Maßstab sein. Wir sind nun einmal längere Wörter und Sätze gewöhnt. Komplexere Strukturen etwa des englischen Satzbaus oder der typisch rätselhaften Schlagzeilen würden uns ja sofort als Zumutung vorkommen! (Es fällt auch auf, daß wenige Wörter mit "th" entliehen werden. Man geht also einen selektiven und bequemen Weg.)

Beispiele für die Schlichtheit englischer Wortbildung:
SNOWBOARD = "Schneebrett" / SKATEBOARD = "Rollbrett" / AIRBAG = "Lufttüte" oder "Luftsack" oder "Luftbeutel" / KNOWHOW = "Wissen-wie"/ UPDATE = "Hochdatieren" / PLAYBOY = "Spieljunge" / STANDBY = "Bei-Stehen" / PARK AND RIDE = " park(en) und fahr(en)'' / SHOWROOM = "Zeigeraum" / SWEATSHIRT = "Schwitz/Schweißhemd" / LEGGINGS = "Beinlinge" (gibt es im Lexikon in der Tat schon lange!) / KNITWEAR = "Strickware"/ INLINE SKATES: "In-Reihe-Rollschuhe" (statt deutsch eleganter etwa: "Kufenroller/Kufenrollschuhe/Rollkuf/l/er!) / STAND-UP COMEDIAN: "Stehauf-Komiker" /
Satz: "Coole Kids tragen jetzt coole Sweatshirts" = "Kühle Geißenkinder tragen jetzt kühle Schweißhemden". Toll, was? MEN/SWEAR = "Männer fluchen"! Dieses dem Anglophonen naheliegende Wortspiel entgeht dem Deutschen natürlich, so wie fast alle anderen nur in der Muttersprache als spezifische, kontrastive Bedeutungs- und Gefühlswerte spürbaren Valenzen der Metaphorik (KICK = "Tritt") und der jeweiligen Wortfamilie (COOL heißt z.B. als VERB noch ganz Verschiedenes in teils idiomatischen Wendungen: "cool off", "cool down", "cool it" etc.) oder des Wortfeldes.

Die Wortfamilie wird im Deutschen oft zerstört: "relaxen" ohne das Substantiv "Relaxation" = "Entspannung"; "meinen" (nach "to mean") bei Wörtern (Sätzen) hat als Substantiv "Bedeutung", nicht "Meinung", während "bedeuten" ( als "to mean" ausstirbt, so wie "meinen" ausstirbt, weil der Deutsche unbewußt "meint", er dürfe nicht mehr "meinen'' sagen", weil das engl. "to mean" (= signify ) nicht "meinen " (eine Meinung haben) heiße. Daher ist leider nur "Ich denke" üblich, und dazu gibt es aber "die Meinung" (die wiederum nicht = "meaning" ist!). Da ist ein Chaos entstanden.

Beispiele für eingebildeten Schwellwert:
Die ganz falsch orientierte Mehrwertphantasie kommt deutlich etwa in Wörtern wie "Know-how" (falsch betont auf dem 2. Element!) = ganz simples "praktisches Können" (z.B. einen Platten flicken!) zur Geltung, wogegen zur Selbstanpreisung (Unsere "High-tech"!) eher angebracht wäre "expertise": die höhere, etwa auch fachtheoretische, Kompetenz - aber dieses Wort ist bei uns bisher noch anders belegt - , oder "Manager", das bloß "Geschäftsführer" heißt (cf. EXECUTIVE!).

Guido Kohlbecher