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Von Franz Stark

Die Anglomanie und die Sprachwissenschaft

Die Kontroverse über Nutzen oder Schaden der Flut von Anglizismen, die uns in der Allgemeinsprache ständig begegnen, hat - nicht zuletzt durch das Wirken des "Vereins Deutsche Sprache (VDS)" - im Lauf des Jahrzehnts immer mehr an öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen. Überraschend ist dabei die gesellschaftliche Verteilung der Standpunkte. Sieht man von dem an Sprachfragen nicht interessierten Teil der Bevölkerung ab, ist es eine Mehrheit in der Gesellschaft, die diese stetige Zunahme an Anglizismen im Sprachgebrauch ablehnt, während sich eine Minderheit, bevorzugt unter den akademischen Linguisten, davon unberührt zeigt, "Entwarnung" gibt oder diese Entwicklung als natürlich oder notwendig vereidigt. Die sprachinteressierten Nichtlinguisten, die das Ausmaß des Anglizismengebrauchs kritisieren, gelten ihnen als Laien, wenngleich unter diesen viele Wissenschaftler anderer Disziplinen vertreten sind. Das Verstörende für die anglizismenkritischen "Laien" ist, dass es gerade die "Fachleute für Sprache" sind, die sich davon nicht betroffen fühlen, wenn uns tagtäglich in der Werbung, in der Mode, in der Popmusik, in Trendsportarten, im Wirtschafts- und Bankenjargon und sogar in amtlichen Verlautbarungen ein Schwall englischstämmiger Ausdrücke und Phrasen entgegen quillt. Die "Laien" gehen davon aus, dass auch - und gerade - die Linguisten ihre eigene Sprache genauso schätzen und deshalb auch "beschützen" wollen wie sie selbst und ihre Sorge um die Erhaltung des Kulturguts deutsche Sprache teilen.

Die Tatsache, dass sich bei den Besorgten oft eine allzu engstirnige Ablehnung selbst notwendiger und zeitgemäßer Anglizismen beobachten lässt, ist eine andere Sache. Immerhin ist bei den meisten von ihnen die Verbundenheit mit der Sprache, so wie sie sie einst erworben haben (oder auch aus der anspruchsvolleren Literatur kennen) das ausschlaggebende Motiv. Bei einem Teil der Fachlinguisten aber weiß man nicht so genau, wie sie "privat" als Sprachteilhaber fühlen, weil sie sich öffentlich (nur) auf die "Position der Wissenschaft" zurückziehen und bestreiten, dass die - ja nun wirklich nicht übersehbare - Flutwelle der Anglizismen in der deutschen Allgemeinsprache ein Problem bilden könnte.

Der Rückzug eines erheblichen Teils der Fachlinguisten auf das "Wertfreiheits-Postulat" (und nicht selten auf eine weltanschauliche Einstellung, die sie jedoch nicht zur Diskussion stellen) führt dazu, dass zwischen ihnen und den Laien kein "Diskurs" zustande kommt. Das verabsolutierte Credo dieser Linguisten lautet ungefähr so: "Wir wollen (nur) wissen, warum Sprache so funktioniert, wie sie funktioniert. Wir analysieren die Sprechpraxis, die wir vorfinden und versuchen, daraus abstrakte Muster abzuleiten. Die Aufgabe des Wissenschaftlers ist es, die Funktion aller Phänomene - unabhängig von den Einstellungen zu den Phänomenen selbst - zu erklären". So ähnlich beschreibt der Sprachwissenschaftler Jürgen Spitzmüller die Position vieler seiner Kollegen in seiner 2005 veröffentlichen Untersuchung "Metasprachdiskurse. Einstellungen zu Anglizismen und ihrer wissenschaftlichen Rezeption".

Spitzmüller gibt eine in der akademischen Linguistik gängige Auffassung wieder. Ob deren Vertreter die Mehrheit ihres Fachs bilden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Es sieht aber danach aus. Vielleicht sind auch manche von ihnen insgeheim gar nicht so überzeugt von einer so begrenzten Sicht auf Sprache, vertreten sie aber zumindest öffentlich. Da mag auch Furcht vor Verlust an Reputation bei Vertretern des (vermeintlichen oder wirklichen) "Mainstreams" der eigenen "Zunft" eine Rolle spielen. Eine Erscheinung, die auch unter uns Journalisten nicht selten anzutreffen ist, wenn es um das Bekenntnis zu bestimmten Meinungen geht! Glücklicherweise gibt es aber auch eine Anzahl akademischer Linguisten, die sich nicht scheuen, die deutsche Sprache als Ganzes, also auch in ihren gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und historischen Dimensionen, als Gegenstand ihres Fachs anzusehen. Um nur ein paar Namen zu nennen, etwa Harald Weinrich, Jürgen Trabant, Helmut Glück, Konrad Ehlich und einer Reihe von Mitgliedern im Wissenschaftlichen Beirat des VDS. An sie richtet sich all das nicht, was im Folgenden an Widerspruch gegen eine solcherart verstandene Linguistik vorgebracht wird.

Die Auffassung, dass Phänomene unabhängig von der eigenen Einstellung zu den Phänomen zu analysieren sind, ist selbstverständlich dort richtig, wo die Linguistik sich innerhalb der Grenzen sprachstruktureller Untersuchungen bewegt. Aber verlangt es nicht die Forderung nach einem (auch) gesellschaftlichen Bezug von Forschung, dass man sich über diese Grenze hinauswagt?! Dass man sich ein Urteil bildet und argumentativ vertritt? Dass die Sprache und ihr aktueller Zustand als Medium betrachtet wird, das in einen gesellschaftlichen, politischen und kulturellem Kontext eingebettet ist?! Auch wenn man sich dabei in außerwissenschaftliche Gefilde begeben und seine eigenen politisch-weltanschaulichen Grundlagen sichtbar machen und der Diskussion aussetzen muss?

Für ernstzunehmende Anglizismenkritiker - zu denen weder eifernde Deutschtümler noch verknöcherte Gegner jeglichen Sprachwandels zählen - ist (Mutter-)Sprache eben mehr als nur ein System, dessen Funktionen und Regularitäten interessieren. Auch mehr als nur ein Verständigungsmittel, sondern etwas, das gemeinsame Lebenswelten schafft, ein kulturelles Selbstbild einer Gesellschaft wiedergibt und so eine wichtige Grundlage der Einheit und des Zusammenhalts im Gemeinwesen (Nation, Staat) bildet. Etwas, das seine Sprecher selbst noch im Streit miteinander verbindet und Vertrautheit bietet. Denn die Begriffe der Muttersprache sind das gemeinsame Werk vieler Generationen, der Wortschatz ist (bis zu einem gewissen Grad) so etwas wie ihr kulturelles Gedächtnis, ihrer Eigenart und ihrer spezifischen Werthaltungen. Kurz: Sprache prägt zwar nicht allein, aber doch auch die ethnisch-kulturelle kollektive Identität der Angehörigen Sprachgemeinschaft.

Allerdings wird dieser Teil der Identität von einer Sprache mitbestimmt, mit der man aufgewachsen ist, wie man sie von den Eltern, in der Schule und "im Leben" kennengelernt hat. Was den Spracherwerb in der Schule angeht, bewirken die Unterschiede, die zwischen dem Deutsch- und Geschichtsunterricht der 1950er oder 1960er Jahre und dem der 1980er und 1990er Jahre bestehen, auch Unterschiede in der Vorstellung von "richtigem" oder "gutem" Deutsch. Es ist es ein oft anzutreffender Irrtum, dass der große englische Einfluss auf den deutschen Wortschatz schon mit dem Kriegsende 1945 und der darauf folgenden Besetzung Westdeutschlands begonnen habe. Bis um 1970 wurde noch häufig z. B. nach deutschen Entsprechungen (Lehnübersetzungen, Lehnübertragungen und Lehnschöpfungen) für neuauftauchende englische Begriffe gesucht. Beispiele sind etwa "Kalter Krieg" (cold war), "Luftbrücke" (airlift/big lift), "Gehirnwäsche" (brainwashing), "Selbstbedienung" (self-service) oder "Atomwaffensperrvertrag" (non- proliferation-treaty).

Zu den Gründen dafür, warum es dann in den 1970er und 1980er Jahren immer seltener geschah, zählt sicher auch der allgemeine Bewusstseinswandel im Gefolge der sog. "1968er-Revolution". Sowohl eine bis dahin übliche Leistungsorientierung in der schulischen Bildung und eine auf breiterer literarischer Kenntnis beruhende Spracherziehung wie auch die Vorstellung einer eigenen nationalen und kulturellen deutschen Identität verloren stark an Geltung, ja gerieten geradezu in Misskredit. Heute 20 bis 40jährige haben deshalb ein anderes Bild von deutscher Sprache als heute 50 bis 70jährige. Letztere haben noch einen weitgehend anglizismenfreien und von vertiefteren Literatur- und Geschichtskenntnissen sowie von einem anderen (nicht primär anwendungsorientierten) Bildungsbegriff bestimmten Spracherwerb erlebt. Deshalb ist der Anteil derer, die sich durch den wachsenden Einfluss des Englischen in ihrer kulturellen Identität bedroht fühlen, in der zweiten Altersgruppe auch größer. Diese altersbezogene Relativierung bedeutet aber keineswegs, die heutige Flut der Anglizismen pauschal gutzuheißen.

Es sind aber nicht nur die Nachwirkungen der 1968er-Bewegung, was die große Öffnung für alles Anglo-Amerikanische bewirkte. Die Existenz des Privatfernsehens (seit 1984), dessen Programme in hohem Maße von (wenn auch synchronisierten) amerikanischen Filmen und Serien leben, verschaffte amerikanischen Schauplätzen, Figuren, Produkten und der amerikanischen Lebensart Leitkultur-Charakter. Die Dominanz englischsprachiger Rock- und Popsongs im Radio wiederum erzeugte eine Dauerpräsenz dieser Sprache. Die massenhafte Verbreitung des Computers und schließlich die Globalisierung der Weltwirtschaft machten englische Begriffe und Englisch überhaupt zu Prestigeobjekten.

Es geht deshalb in der gesellschaftlichen Kontroverse um die Anglizismen nicht nur um rein Sprachliches, auch nicht einmal nur um Identität, sondern auch um den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Status einer Sprachgemeinschaft im internationalen Kräftespiel. Zwischen Anglizismen und Anglisierung der Begriffs- und Gedankenwelt besteht ja sehr wahrscheinlich ein enger Zusammenhang. Ist dieser Prozess neben einem sozusagen "natürlichen" Ablauf nicht zum Teil auch steuerbar? Und wenn ja, wem nützt das vor allem, wessen Interessen werden damit bedient? Wird Deutschland mit seiner langen Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftstradition in der weltweit entstehenden "Wissensgesellschaft" international wirklich mehr geschätzt - oder doch weniger, wenn es seine Sprache und sein Erscheinungsbild so stark anglisiert? Für eine Beurteilung der gegenwärtigen Anglizismenwelle spielen außerlinguistische Überlegungen eine viel größere Rolle, auch wenn deren Ergebnisse weniger leicht abzusichern sind als sprachstrukturelle Aussagen der Linguistik. Wohl aber lassen sich starke Plausibilitätsgründe für sie anführen.

Man kann über Vorzüge und Nachteile des Gebrauchs von Anglizismen durchaus reden und auch streiten - egal, ob als "Laie" oder als Linguist. Beide scheinen sich aber mit dem notwendigen "Diskurs" schwer zu tun. Ein Teil der Anglizismengegner nimmt die Ergebnisse der Sprachwissenschaft nicht zur Kenntnis, schenkt ihr in dem begrenzten Bereich, in dem sie verlässliche Fakten liefern kann, kein Gehör. Ein Teil der Linguisten wiederum lehnt es ab, auf "laienhafte" Argumente einzugehen und zieht sich auf seine für unangreifbar gehaltene sprachwissenschaftliche Position zurück (die im Übrigen noch vor zwei Jahrzehnten der Auffassung der "Laien" viel näher stand).

Sucht man nach einer unabhängigen Haltung zwischen diesen Positionen eines gegenseitigen Nichtverstehens, bleibt nur, die häufigsten Argumente beider Seiten fair und im Detail zu betrachten. Das soll in diesem Beitrag wenigstens kursorisch geschehen. (Mehr Details in: Stark 2009). Der Beitrag erhebt jedoch nicht - das sei ausdrücklich betont - wissenschaftlich-linguistischen Anspruch, auch wenn er die wichtigsten Argumente dieser Disziplin berücksichtigt. Es sind die Überlegungen eines linguistisch interessierten Journalisten, der sich dabei auch die Freiheit zur berufsspezifischen Arbeits- und Ausdrucksweise vorbehält. Etwa Zitate verkürzt wiederzugeben (ohne ihre Aussage zu verändern) oder aus einer großen Menge von Fakten repräsentativ auszuwählen. Getragen ist die Darstellung von zwei Überzeugungen: Erstens, dass die gesellschaftliche Kontroverse um die Anglizismen durch eine bessere Kenntnis der Befunde der Linguistik mehr Sachlichkeit und Substanz gewinnen könnte; zweitens, dass sie sich mit linguistischen Mitteln allein gar nicht entscheiden lässt!

Aber auch eine offene Diskussion der kontroversen Positionen muss von einigen Grundtatsachen ausgehen. So haben sich in den letzten vier oder fünf Jahrzehnten in weiten Teilen der Welt die Lebensverhältnisse so stark verändert, dass dies eben auch Auswirkung auf die Sprache(n) zeigt. Stichworte für die Veränderung sind: die Präsenz elektronischer Medien, digitale Kommunikationspraktiken, Entwicklung hin zu einer "Netz-Gesellschaft" (Haarmann 2002). Die ökonomische Globalisierung schließlich bringt, ob wir das wünschen oder nicht, eine zunehmende Angleichung von Lebensstilen und Kulturen mit sich - und diese begünstigen zugleich die weitere Zunahme der Globalisierung. Der vor allem von diesen jüngsten technischen Innovationen ausgelöste sozioökonomische und soziokulturelle Wandel macht auch vor der Sprache nicht Halt. Eine elektronische (SMS) oder eine E-Mail wird in einem anderen Sprachstil verfasst als ein Brief. Überhaupt hat diese "elektronische Medialisierung" unseres Lebens die Anteile von Wort und Bild in der Kommunikation deutlich hin zur bildhaften Zeichengebung verschoben. So werden zum Beispiel in E-Mails immer häufiger Gefühlszustände nicht durch entsprechende Worte, sondern durch "Emoticons" ausgedrückt. Was die (zumindest schriftliche) Sprachenvielfalt beeinträchtigt, ist die Begrenztheit der Tastatur des Computers. Auf ihr ist weder ausreichend Platz, um die vielleicht einhundert (oder mehr) unterschiedlichen Schrift- und diakritischen Zeichen der größeren (Alphabet-)Sprachen zu berücksichtigen, noch werden für kleinere Sprachen überhaupt die erforderlichen Zeichen vorgesehen. All das begünstigt die verbreitetste Sprache und deren Zeichenvorrat, das Englische.

Englisch ist heute zugleich Grundlage der Globalisierung wie auch deren Motor. Und welche Rolle dafür das machtpolitische, militärische und wirtschaftliche Gewicht der einzigen Supermacht USA spielt, muss nicht eigens ausgeführt werden. In diesem Zusammenhang ist nicht zu unterschätzen, wie stark auch die zunehmende Einsprachigkeit selbst gebildeter Angelsachsen diese Entwicklung des Englischen zu einer Welteinheitssprache fördert. Wer mit ihnen kommunizieren will, muss dies in ihrer Sprache tun. Wozu dann noch andere Fremdsprachen lernen, wenn die eine auch genügt?! Und warum für neue Sachen noch Begriffe aus eigenem Sprachmaterial zu formen, wenn man - vermeintlich zeitgeistgemäß - gleich einen Anglizismus dafür übernehmen oder neu bilden kann?!

Dennoch: Die vom sozioökonomischen Wandel erzeugten Bedingungen sind in Rechnung zu stellen, wenn man über Möglichkeiten zur Erhaltung von Status und Stellung der eigenen Sprache nachdenkt. Der Bedarf an Englisch, den die neuen Informationstechniken und die globale Wirtschaft erzeugt haben, lässt sich nicht einfach ignorieren. Englische Ausdrücke im Deutschen grundsätzlich zu verwerfen, weil sie "fremd" sind, Sprachpuris-mus also, wäre gerade in solchen Zeiten absurd. Denn ein Teil von ihnen liefert zweifellos ergänzende oder spezialisierende Begriffe, die wir in der globalen Informationsgesellschaft benötigen. Die kontinuierliche Anpassung eines Wortschatzes an neue Gegebenheiten ist notwendig und natürlich.

Eine konstruktive Anglizismenkritik negiert die Weiterentwicklung des Wortschatzes nicht, sondern prüft die einzelnen Fälle auf ihre Berechtigung und Notwendigkeit. Das versucht der vorliegende Anglizismen-INDEX des VDS, indem er rund 20 Prozent der 7200 aufgeführten Lexeme als "ergänzend" oder "differenzierend" einstuft. Dies sind Anglizismen, die Bezeichnungslücken im Deutschen schließen bzw. eine andere Konnotation als ihre existierende deutsche lexikalische Entsprechung besitzen. Allerdings unterscheidet der Index nicht nach der Gebrauchsfrequenz der Lexeme, so dass sich auch sehr selten verwendete Ausdrücke quasi "gleichwertig" neben ständig gebrauchten finden. Die Zahl wirklich "verdrängend" wirkender Anglizismen ist sicher kleiner als die im Index verbleibenden rund 80 Prozent. Die Aufnahme auch sehr selten gebrauchter Anglizismen hängt wohl mit der Absicht der Herausgeber zusammen, für alle von ihnen gefundenen Belege eine Verstehenshilfe oder einen Vorschlag für eine zumindest lexikalische deutsche Entsprechung zu unterbreiten. Vielleicht können sich die Herausgeber des Index dafür entscheiden, in künftigen Ausgaben eine Unterteilung in Teil A mit Wörtern hoher Frequenz und einen Teil B mit Wörtern geringer Frequenz vorzunehmen, wobei für Letztere die Entscheidung: verdrängend oder nicht, unnötig würde.

Was viele Kritiker eines Gebrauchs überflüssiger Anglizismen beunruhigt, ist nicht nur, dass sie sie als Störung ihres Sprachgefühls oder als teilweise unverständlich empfinden, sondern ihre Sorge um die Zukunft für die Kultursprache Deutsch. Dürften doch die vielen Anglizismen auch als Katalysator für eine noch weitere Ausbreitung des Englischen in inländische Kommunikationsbereiche dienen (wie vielfach jetzt schon als Konzernsprache, Wissenschaftssprache und Unterrichtssprache einzelner Universitätsstudiengänge). Würde Englisch, so fragen sie besorgt, im deutschen Sprachgebiet womöglich einmal den Status einer offiziellen Zweitsprache neben der Muttersprache erlangen, so dass Deutsch zur Sprache privater Kommunikation absinkt, in wichtigen Domänen und in anspruchsvollen Diskursen jedoch nur noch Englisch verwendet wird? Und: Würde ein so rascher und so weitreichender Sprachwandel nicht auch unser kulturelles Selbstbild, unsere kollektive Identität, ganz in Richtung auf eine anglo-amerikanisch geprägte "Leitkultur" verschieben?

Für wie ernst man diese Befürchtungen nehmen mag, sie existieren und sie haben im größeren Teil der Öffentlichkeit, quer durch alle Bevölkerungsschichten, zu einer immer stärker werdenden Kritik am aktuellen Ausmaß des Anglizismengebrauchs geführt. Diejenigen Linguisten, die eine Anglizismenkritik grundsätzlich zurückweisen, begründen ihre Haltung mit zwei zentralen Feststellungen. Die erste besagt: Die Aufnahme (selbst in großem Umfang) von Anglizismen würde keinesfalls die deutsche Sprachstruktur (Grammatik) stören oder gar beschädigen. Vielmehr ließen sich die allermeisten Anglizismen - schon wegen der genetischen Verwandtschaft beider Sprachen - mühelos in den deutschen Sprachbau einpassen. Bei dieser Feststellung richten sie den Blick auf die Morphologie und Syntax der deutschen Sprache. Die die zweite Behauptung, die auf die Semantik (unter Einbeziehung der Pragmatik) zielt, lautet: Auch die Veränderung des Wortschatzes sei unproblematisch. Denn eine Ersetzung bisher gebrauchter deutscher Wörter durch Anglizismen könne man nicht einfach als Verdrängung und damit als Verarmung des deutschen Wortschatzes interpretieren. Jeder aktuelle Sprachzustand sei ein Nebeneinander von Altem und Neuem. Das Verschwinden indigener deutscher Wörter und ihr Ersatz durch Anglizismen oder englisch-deutsche Hybridbildungen machten die Sprache zwar anders, aber nicht ärmer.

Treffen diese Behauptungen zu? Die erste weitgehend ja! Dazu nur ein paar Stichpunkte (ausführlich siehe: Stark 2009): Weder der Zwang, englischen Substantiven im Deutschen ein Genus und eine Pluralform zuweisen, noch sie mit Deklinationsendungen versehen zu müssen, führt beim deutschen Sprecher zu einer Verunsicherung. Gleiches gilt für Adjektive, solange sie prädikativ gebraucht werden ("Der Typ ist cool"). Auch bei vielen attributiv verwendeten Adjektiven ist das der Fall ("Der coole Typ"). Allerdings gibt es eine Handvoll Adjektive - und gerade sehr häufig benutzte - die sich im Deutschen einer attributiven Verwendung widersetzen ("gay, happy, light" etc.) und ebenso wenig lassen sie sich steigern. In den meisten Fällen lässt sich diese Schwierigkeit - ein wenig unelegant - umgehen ("Training light", "noch mehr happy"). Auch für verbale Anglizismen gilt, dass sich bei Infinitiven in der Regel deutsche Endungen anfügen lassen. Bei finiten Verbformen allerdings existiert wiederum eine Handvoll, bei denen das nicht geht ("faken", aber nicht: "er fakt"). Ebenso sind Formen des Partizip Perfekts ausgeschlossen ("gebackupt", "upgebackt"). Kurzum: Die Anpassung an die deutsche Morphologie ist in einigen Fällen nicht möglich, doch zu einer Verunsicherung im deutschen Grammatikgebrauch führt das nicht.

Auch die Unterschiede im Syntaxsystem des Englischen und Deutschen werden in der Regel durch verschiedene Techniken bewältigt, so dass kein "Filser-Deutsch", also kein ungrammatischer Satz, entsteht. Etwa dadurch, dass englische Syntagmen innerhalb einer Satzfolge oder auch eines Einzelsatzes durch Interpunktion bzw. Sprechpausen erkennbar abgetrennt oder in geschriebenen Texten in Anführungszeichen gesetzt werden. Einige kleinere Störungen lassen sich beobachten, etwa wenn ein bisher intransitiv gebrauchtes deutsches Verb ein transitives englisches auch transitiv verwendet ("mit jemanden kommunizieren/etwas kommunizieren"). Oder wenn die im Englischen weitverbreitete Getrenntschreibung eigentlich zusammengehöriger Komposita bei gleicher Verfahrensweise im Deutschen das Verständnis syntaktischer Bezüge erschwert. Aber zu einer generellen Störung syntaktischer Strukturen des Deutschen führt das nicht.

Es trifft also weitgehend zu, dass selbst eine breite Aufnahme von Anglizismen nicht die von manchen Sprachkritikern befürchtete Beschädigung der deutschen Morphologie und Syntax bewirkt. Hier liegt nicht das Problem! Und es würde den Diskurs zwischen Linguisten und nichtlinguistischen Kritikern sicher erleichtern, wenn die Letzteren diese Befunde zur Kenntnis nähmen.

Aber trifft die "Entwarnung" der Linguisten auch für die zweite Behauptung zu, also da, wo es um die Semantik geht? Macht es die deutsche Sprache "nur anders, aber nicht ärmer", wenn Anglizismen an die Stelle längst bestehender deutscher Wörter treten, ohne dass sie einen echten konnotativen Mehrwert haben? Gibt es gar keine "überflüssigen Anglizismen" - einfach deshalb, weil sie sonst ja nicht verwendet würden? Also auch, wenn der einzige "Mehrwert" darin besteht, dass ein Ausdruck eben englisch und nicht deutsch ist. Wer so argumentiert, akzeptiert jedes beliebige Motiv für die Verwendung eines Anglizismus: von Wichtigtuerei über Geringschätzung (und oft unzulänglicher Kenntnis) des Reichtums der eigenen Sprache bis hin zur bewussten Tarnung oder Vortäuschung eines Sachverhalts. Darf man allein den Nutzwert eines Anglizismus (aus welchen Motiven seine Verwendung einem Kommunikationsziels auch dient) immer über den Gefühls- und Traditionswert eines verfügbaren gleichwertigen Begriffs der eigenen Sprache setzen?

Die Antwort ist nein! Denn es ist kaum zu bestreiten, dass sich die in einer Sprache ausgedrückte Gedankenwelt verändert kann, wenn erhebliche Teile des bisherigen Wortschatzes durch Ausdrücke aus einer anderen Sprache ersetzt werden. (Ein klassisches Beispiel dafür bietet der Wandel in der der Begriffs- und Gedankenwelt, der sich durch den Umbau des germanisch-heidnischen in den althochdeutsch-christlichen Wortschatz vollzog - ein Wandel, den wir heute natürlich begrüßen). Die in einer Einzelsprache vorhandenen Wörter und bildhaften Wendungen bestimmen die Art und Weise mit, in der wir die äußere und innere Welt erfassen und geistig ordnen - die jeweilige "Weltansicht" also, wie Wilhelm von Humboldt es ausgedrückt hat. Seine Einsicht wurde im 20. Jahrhundert von den Amerikanern Sapir und Whorf wieder aufgenommen und (nach der Entdeckung einzelner Fehlinterpretationen der untersuchten Vernakularsprachen) von vielen wieder verworfen. In jüngster Zeit hat die Whorf'sche Theorie jedoch wieder stärkere Unterstützung in der Linguistik, vor allem unter Psycholinguisten, gefunden (vergl. Levinson 2003 und Evans/Levinson 2009).

Das komplexe Gebiet der Semantik und des Zusammenhangs von Sprache und Gedankenwelt müsste ausführlicher erörtert werden, als es in diesem kurzen Aufsatz geschehen kann. Nur soviel: Natürlich wird die "Weltansicht" nicht durch lexikalisch austauschbare Bezeichnungen konkreter Objekte verändert. Bei der Klassifizierung der gegenständlichen Welt spielen unterschiedliche kulturelle Erfahrungen kaum eine Rolle. Die unterschiedliche Bezeichnung der Hand, des Fußes, der Nase oder des Wassers, der Luft, des Baums oder des Regens oder der Tür, der Treppe, des Tisches oder auch eines Fahrrads oder Automobils in einer anderen Sprache rufen (sofern wir diese Sprache verstehen) in unserem Geist dieselbe Vorstellung (Konzept) hervor.

Aber: Gilt dies auch für viele abstrakte Begriffe? Ausdrücke, mit denen wir etwas nicht Sichtbares, etwas Ideelles, eine geistige Vorstellung bezeichnen und vielleicht zugleich positiv oder negativ bewerten? Etwa Begriffe wie "Freiheit, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, soziale Sicherheit, Verstand, Bildung" oder die berühmte deutsche "Gemütlichkeit", die in englischen Wörterbüchern nur - und nie ganz zutreffend - paraphrasiert wird. Nehmen wir den Begriff "Bildung", Wenn man im Deutschen jemanden als "gebildet" bezeichnet, gibt weder das engl. "educated" noch das frz. "cultivé" das Gemeinte voll wieder. Abstrakten Begriffen liegen in den einzelnen Sprachen häufig nicht die gleichen Bedeutungsvorstellungen bzw. Konzepte zugrunde wie ihren Entsprechungen im Wörterbuch einer anderen Sprache. Sie beruhen nicht oder zumindest nicht genau auf der gleichen Sicht der Dinge. Vielmehr beruhen sie auf historisch-kulturellen Entwicklungen, die in die Sprache eingegangen sind und ihr einen individuellen Charakter verleihen.

Noch deutlicher wird die Kultur- und Mentalitätsabhängigkeit von sprachlichen Ausdrücken im Fall der Metaphern, der figürlichen Redeweise. Eine typische deutsche Zusammensetzung aus jüngerer Zeit ist das "Waldsterben". Es ist ein emotional aufgeladenes Wort, das den besonderen Stellenwert des Waldes im deutschen Empfinden spätestens seit der Romantik widerspiegelt. Ein Gut, das über seine natürliche Existenz und Nützlichkeit hinaus gefühlsmäßig so hoch bewertet wird, dass es sogar "sterben" kann, was sonst nur Menschen können. Die romanischen Völker teilen diese Waldverehrung oder -verherrlichung nicht, weshalb dieser Vorgang dort mit viel sachlicheren Ausdrücken bezeichnet wird. Oder nehmen wir die englische Verwendung des deutschen Lehnworts "angst", das dort einen speziellen Bezug zu deutschen Ängsten hat, wenn sie als übertrieben empfunden werden. In allen Sprachen werden ständig Begriffe, Metaphern und feste Redewendungen gebraucht, die in besonderem Maße das Historisch-Kulturelle an einer gewachsenen Sprache ausdrücken. Oder wie es Stephen Levinson, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik ausdrückt: "Es ist die Kultur, die den Großteil der Konzeptpakete liefert, die in einer bestimmten Sprache codiert sind. Der Inhalt von Sprache und viel von ihrer Form sind weitgehend das Ergebnis kultureller Tradition" (2003: 27).

Wenn man diese Auffassung teilt - und der Autor dieser Zeilen tut es - dann kann ein Übermaß an Anglizismenverwendung gewiss die im Deutschen mögliche Gedankenwelt der angloamerikanischen immer ähnlicher machen. Ob man das bedauert oder begrüßt, ob man es als Verlust oder Gewinn empfindet, ist freilich eine persönliche Entscheidung. Die Kontroverse um das notwendige und vertretbare Maß an Anglizismen lässt sich nicht durch rein linguistische Kriterien entscheiden. Für die meisten Sprachteilhaber spielen außerlinguistische Überlegungen eine viel größere Rolle. Sie akzeptieren es nicht, dass das, was zum spezifischen Kulturerbe einer einzelnen Sprache bzw. Sprachgemeinschaft gehört, ausgeklammert wird. Und ein politisch bewusster Sprachteilhaber befürchtet auch nicht ohne Grund mögliche Folgen für die internationale Stellung und das Gewicht der Sprachgemeinschaft als Wirtschafts- und Wissenschafts-Standort.

Auf solche Überlegungen nicht einzugehen, weil sie außerlinguistisch sind, bleibt einer Sprachwissenschaft, die sich nur "strukturell" und "wertfrei" versteht, selbstverständlich unbenommen. Aber sie muss es sich dann auch gefallen lassen, dass man ihr die Zuständigkeit in Bezug auf die Anglizismenkontroverse als Ganzes abspricht. Die Kontroverse um den akzeptablen Umfang der Anglizismenverwendung ist auch eine weltanschauliche, ein Wertekonflikt. Und diesen kann weder die Linguistik noch eine andere Wissenschaft entscheiden. Man kann lediglich für den eigenen Standpunkt werben und den anderen zu überzeugen versuchen.

Für unser praktisches Verhalten könnte es dies bedeuten: Englische Sprache und Anglizismen als Kommunikationsinstrumente der globalen Wirtschaft, der internationalen Politik und des weltweiten Wissenschaftsaustauschs sind eine Tatsache. Diese Einsicht bedingt aber nicht die gleichzeitige Übernahme unnötiger Begriffe in alle anderen Sprach-, Denk- und Kulturbereiche. Wenn wir das Kulturerbe "deutsche Sprache" erhalten wollen, müssen wir zu einer vernünftigen Einstellung gegenüber Anglizismen und dem Einfluss des Englischen finden. Und das bedeutet, im eigenen Sprachverhalten jeweils konkret abzuwägen, wo die Bedürfnisse einer zunehmend globalisierten "Netz-Gesellschaft" die Verwendung des Englischen oder englischer Benennungen tatsächlich erfordern und wo wir - im Interesse der Erhaltung der vertrauten und identitätsstiftenden eigenen Sprache - darauf verzichten sollten.

Verwendete Literatur

Haarmann, Harald (2002): Englisch, Network Society und europäische Identität. Eine sprachökologische Standortbestimmung. In: Hoberg, Rudolf (Hrsg.): Deutsch- Englisch - Europäisch. Mannheim: Duden-Verlag.

Levinson, Stephen (2003): Language and Mind. Let's get the issues straight!

Onysko, Alexander (2007): Anglicisms in German. Borrowing, Lexical Productivity, and Written Codeswitching. Berlin/New York: de Gruyter.

Spitzmüller, Jürgen (2005): Metasprachdiskurse. Einstellungen zu Anglizismen und ihre wissenschaftliche Rezeption. Berlin/New York: de Gruyter.

Stark, Franz (2009): Wie viel Englisch verkraftet die deutsche Sprache? Paderborn: IFB-Verlag.

Trabant, Jürgen (2008): Über das Ende der Sprache. In: Messling, M./ Tintemann, U. (Hrsg.): Der Mensch ist nur Mensch durch seine Sprache. München: Wilhelm Fink.