VDS-Sprachnachrichten 3/2016
SPRACHE UND POLITIK

Katzenjammer

Von Horst Haider Munske

Lohnt sich überhaupt noch eine Beschäftigung mit der Rechtschreibung und der Rechtschreibreform? Zwanzig Jahre nach ihrer amtlichen Einführung sagt mancher: „Das ist gegessen, wir haben die Regeln auf dem Laptop. Und wenn ich mal etwas kritzeln muss, dann ist mir die Schreibung egal. Hauptsache, alles wird verstanden.“

Völlig verkehrt, antwortet der Freund deutscher Sprache. Geht es denn bloß ums Schreiben? Sind wir nicht in erster Linie Leser des Deutschen und außer uns noch viele Millionen in der ganzen Welt? Ihnen allen bietet das gedruckte Deutsch der Gegenwart ein lächerliches Chaos. Dies hat seinen Ursprung in den zahlreichen Entstellungen, welche die amtlich verordneten Schreibregeln der deutschen Sprache bescherten. Es war eine Überrumpelungsaktion, die einen Sturm der Entrüstung bei Autoren und Verlegern, Journalisten, Lehrern, Wissenschaftlern und bei unzähligen Lesern entfachte. Das führte nach mehrjährigen Debatten schließlich zu einigen erheblichen Korrekturen. Aber statt zu sagen: „April, April, tut uns leid, wir haben uns geirrt“, wurde von unseren Kultusministern nur eine halbe Reform der Reform auf den Weg gebracht. Die alten kritisierten Schreibungen sollten weiterhin gelten, die neuen als Varianten akzeptiert werden. Dies war der zweite Sündenfall der Rechtschreibreform: die Fehler zu bemerken, aber nicht endgültig zu beseitigen.

Kurz nach der Reform wurden viele hunderttausend Schul- und Jugendbücher weggeworfen, um Neuauflagen Platz zu machen. Diese allerdings sind längst nicht mehr maßgebend für die zulässigen Schreibungen. Das Gleiche gilt auch für viele neue Wörterbücher. Innerhalb von zwei Jahrzehnten produzierten viele Verlage ihre Bücher nach wechselndem Reformstand. Die Einheit der Rechtschreibung, die fast 100 Jahre gegolten hatte, schien zerbrochen. Jetzt begannen die großen Zeitungen, sich eigene Hausorthographien zuzulegen, einige Autoren zogen die Notbremse und blieben bei den alten Duden-Regeln von 1991. Die Verlage schwanken zwischen Anpassung und Verweigerung.

Die Hauptleidtragenden aber sind die Schulen. Hier herrschen Frust und Katzenjammer. Der Kenntnisstand zur Rechtschreibung bei den meisten Schülern ist tief gefallen, die Fehlerquote gestiegen. Katastrophal ist der Umgang mit dem Komma, einst ein Markenzeichen differenzierter Schreibkultur. Richtiges Schreiben hat überhaupt seinen traditionellen Wert eingebüßt.


Das kann man tragisch nennen. Denn diese Reform hatte sich zum Ziel gesetzt, das Erlernen und Lehren der deutschen Rechtschreibung zu erleichtern. Mit sozialromantischer Energie war dies den Kultusministern der deutschsprachigen Länder vor 30 Jahren nahegelegt worden. Diesmal endlich sollte es gelingen, auf wissenschaftlicher Grundlage und mit politischem Management. Schauen wir einen Moment hinter die Kulissen dieser Reform! In den vier deutschsprachigen Ländern wurden Ende der achtziger Jahre Fachkommissionen eingesetzt, die den Auftrag erhielten, einen gemeinsamen Reformvorschlag vorzulegen. Außerdem setzten die Kultusminister der deutschen Länder aus Beamten ihrer Schulausschüsse eine eigene Kommission zusammen. Ihre Macht wurde sichtbar, als sie kurzerhand die Einführung der Kleinschreibung verwarf, welche die vier Kommissionen einmütig vorgeschlagen hatten. Auch der Versuch, die Vokalschreibung zu vereinfachen, wurde abgewiesen. Diese Kommission blieb immer als das steuernde Werkzeug der Kultusministerkonferenz der Länder im Hintergrund. Sie entzog sich damit auch jeglicher öffentlicher Auseinandersetzung. Doch warum müssen wir uns noch immer mit dieser Reformruine herumärgern? Alles begann mit der Zusammensetzung der Fachkommissionen. In ihr wurden, bei uns durch das Mannheimer Institut für deutsche Sprache, nur reformfreudige Sprachwissenschaftler und Didaktiker aufgenommen. Die Vereinfachung der Rechtschreibung war das gemeinsame Konzept. Damit wurden von vornherein reformkritische Fachkollegen ausgeschlossen. Eine Debatte über den Sinn oder Unsinn dieses Unterfangens fand nie statt, es ging nur um das Wie. Von der Vorbereitung einer Reform war damit auch die ganze schreibende Zunft, Journalisten, Autoren, Verleger, Wissenschaftler, ausgeschlossen. Selbst von den Lehrern, welche das Schreiben des Deutschen auf allen Schulstufen unterrichten, war keiner dabei. Diesen Punkt kann man mit einem Wort von Goethe kommentieren: „Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zurande.“

Die Kommission der Kultusministerkonferenz (KMK) hat versucht, dieses Manko nachträglich zu lindern: durch eine öffentliche Anhörung im Jahre 1993, durch die Einrichtung eines Beirats und später des „Rats für deutsche Rechtschreibung“, in welchen zahlreiche Verbände einen Delegierten schicken durften. Auch diese Gremien durften nur beraten, sie litten unter der Zufälligkeit ihrer Zusammensetzung sowie dem Mangel an sprachwissenschaftlichem Sachverstand. Zum Pferdefuß wurde nun, dass Empfehlungen des Rats von der KMK nur als Varianten zugelassen wurden. Der Grundfehler war nicht mehr korrigierbar. Bleibt die Frage: Wie kommt man aus dem Dilemma wieder heraus? Hier die Einsicht – dort der Scherbenhaufen.


Vielleicht kann dabei eines weiterhelfen
: Nie wurde über die Rechtschreibung so viel geforscht wie in Zeiten der Reform. Sowohl von ihren Befürwortern wie von ihren Gegnern. Wir wissen heute sehr viel mehr über ihre Regeln. Sie sind so kompliziert wie die Sprache selbst, die sie abbilden. Ganz holzschnittartig lässt sich Folgendes feststellen: Ein Bereich, der seit Jahrhunderten diskutiert wird, ließe sich durchaus systematisch verbessern: Die sogenannte Laut-Buchstaben-Zuordnung, insbesondere die Schreibung von Lang- und Kurzvokalen (Dehnungs-h, Doppelvokal, Doppelkonsonant). Nur: an diesem Vorhaben sind schon zahlreiche frühere Reformen gescheitert. Es führt zu einer drastischen Veränderung des Schriftbildes. Hier stößt der Reformwunsch an die Mauer des Bewusstseins, dass unsere Rechtschreibung historisch geprägt und der Dauer verpflichtet ist.

Ganz anders ist die Lage bei den beiden großen Problembereichen der jüngsten Reform: groß oder klein, getrennt oder zusammen. Sie sind das eigentliche Kernstück unserer Rechtschreibung. Die Großschreibung der Substantive hat sich als ein wirkungsvolles Instrument bewährt, das Lesen des Deutschen zu erleichtern. Durch Substantivierung (das Wandern, das Hoch, das Für und Wider) versetzten wir Verben, Adjektive, Präpositionen in eine substantivische Rolle und schreiben sie groß. Umgekehrt können Substantive verblassen, wie dies schon die allerersten Dudenregeln beschrieben (mir ist angst, er geht pleite), und verlieren ihre Großschreibung. Die Rechtschreibung folgt hier dem Sprachgebrauch. Ähnliches gilt für die zahlreichen Zusammenschreibungen wie richtigstellen, spazierengehen, wohlverdient, halbvoll usw. Der Prozess der sogenannten Univerbierung, also der Einswerdung von zwei Wörtern, vollzieht sich wortweise, ohne Systematik. Darum kann es dafür keine systematischen Regeln geben, sie verhindern geradezu die sensible Anpassung der Schreibung an den Sprachgebrauch.

Vor zehn Jahren taten sich Buch- und Zeitungsverleger, Autoren, Wissenschaftler und Lehrer in der Schweiz zusammen, „um die Einheitlichkeit und Sprachrichtigkeit der Rechtschreibung in Presse und Literatur der Schweiz wiederherzustellen“. Sie gründeten die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK), die sich seitdem um Vermittlung im Rechtschreibstreit bemüht. Die jüngsten Empfehlungen (www.sok.ch) wollen die Variantenvielfalt zugunsten der traditionellen Schreibung beseitigen. Das ist praktizierte Demokratie, von der auch die KMK lernen
kann.

Der Autor ist emeritierter Professor
für Germanische und Deutsche Sprachwissenschaft und Mundartkunde an der >Universität Erlangen-Nürnberg. Eine Langfassung des Beitrags erschien am 16.6.2016 in der F.A.Z.


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