VDS-Sprachnachrichten 4/2012
IM GESPRÄCH

Sprachkultur in Dänemark
Jørgen Christian Wind Nielsen, Vorsitzender des Modersmål-Selskabet

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Jørgen Christian Wind Nielsen ist Vorsitzender der Modersmål-Selskabet in Dänemark. Seit August arbeitet der VDS mit seinen dänischen Sprachfreunden zusammen. Fotos: Modersmål-Selskabet

Sprachnachrichten: Welche Ziele verfolgt Modersmål-Selskabet? Was macht die Gesellschaft, um ihre Ziele zu erreichen?

Wind Nielsen: Die Ziele der Modersmål-Selskabet gehen aus der Satzung hervor: Ziel ist es, unsere Muttersprache zu bewahren und weiterzuentwickeln, als grundlegende Voraussetzung für die dänische Kultur und Demokratie. Wir fördern das Verständnis für die Bedeutung einer klaren, ausdrucksvollen und vielfältigen Sprachverwendung in Wort und Schrift, auch in Bezug auf Dialekte. Außerdem vermitteln wir Kenntnisse aus der Forschung und fördern das Erlernen der dänischen Sprache.

Das Schlüsselwort ist „Muttersprache“, also die dänische Sprache. Sie ist die Grundlage für unsere Kultur und unsere Demokratie. Dabei legen wir sowohl einen Fokus auf die Sprache selbst, als auch auf deren gesellschaftliche Funktion. Es ist wichtig, Sprache und Sprachbewusstsein zu stärken, das tun wir durch Publikationen, durch die sozialen Medien und durch stetige Teilnahme an öffentlichen Debatten.

SN: Welche Rolle spielt Ihre Zeitschrift „Sprache und Gesellschaft“ („Sprog og Samfund“)?

Wind Nielsen: Früher war unsere Zeitschrift der direkte und einzige Kommunikationskanal zu unseren Mitgliedern, von den Mitglieds- und Generalversammlungen abgesehen. Seit einigen Jahren nutzen wir jedoch vermehrt die Möglichkeiten der digitalen Medien, so dass die Zeitschrift nun eines unserer Kommunikationsmittel darstellt.

SN: Wie wird Ihre Arbeit unterstützt, welche Widerstände gibt es?

Wind Nielsen: Wir haben eine sehr heterogene Mitgliedschaft, dies sehen wir als eine Stärke an. Die internen Debatten, Dialoge und letztendlich die Entwicklung der Muttersprachengesellschaft wird so erheblich bereichert. Uns verbindet natürlich das Interesse an der dänischen Sprache.

Seitens des Vorstandes versuchen wir zu signalisieren, dass Ergebnisse am besten erreicht werden, wenn eine gewisse Portion Humor und die Freude an der Sprache zum Ausdruck kommen.

Widerstand erleben wir durch Gleichgültigkeit der dänischen Sprache gegenüber. Es gibt aber auch Interessengruppen, die das Englische verstärkt fördern. Nicht zuletzt dominiert die englische Sprache auch die digitalen und anderen Medien. Es ist uns noch nicht geglückt, ein Sprachgesetz wie in Schweden zu erwirken, aber unser politisches System hat durchaus Interesse an der dänischen Sprache. Im Finanzetat wird zum Beispiel Geld für die dänische Sprach- und Literaturgesellschaft („Det Danske Sprog- og Litteraturselskab“), den dänischen Sprachauschuss („Dansk Sprognævn“) und andere sprachlichen Initiativen im nordischen Verbund bereitgestellt. Es wird an einer umfassenden Digitalisierung des Dänischen gearbeitet, obwohl das vielleicht noch nicht ausreicht.

Probleme haben wir mit der Verwendung des Dänischen in der Europäischen Gemeinschaft, an unseren Universitäten und im Arbeitsrecht.


Es ist uns noch nicht geglückt, ein Sprachgesetz wie
in Schweden zu erwirken, aber unser politisches System
hat durchaus Interesse an der dänischen Sprache.


SN: Sie vergeben den „Modersmål-Prisen“, den Muttersprachenpreis. Wer erhält diese Auszeichnung?

Wind Nielsen: Der Muttersprachenpreis wird an öffentlich bekannte Personen verliehen, die durch ihre Tätigkeit direkt oder indirekt dazu beigetragen haben, die dänische Sprache in der Öffentlichkeit zu fördern. Alle Mitglieder und auch Nicht-Mitglieder können Vorschläge einreichen. Jedes Jahr im Mai wählt dann der Vorstand den Preisträger des Jahres. Der Muttersprachenpreis genießt hohes Ansehen in der dänischen Gesellschaft.

SN: Der Ton der dänischen Presse gegenüber Deutschland ist in den letzten Jahren bedeutend freundlicher geworden. Welche Gründe gibt es für diesen Wandel?

Wind Nielsen: Ich kann mich dieser Meinung nicht anschließen. Deutschland ist populär in Dänemark und da mag es viele Gründe für geben, zum Beispiel ist Deutschland Dänemarks Nachbar und größter Handelspartner. Fast alle Dänen fahren in ihrem Urlaub nach Deutschland oder zumindest hindurch. Die deutsche Kultur ist in Dänemark beliebt.

SN: Herzlichen Dank für dieses Gespräch. Die deutschen Sprachfreunde freuen sich auf eine gute Zusammenarbeit mit Ihnen.

Die Fragen stellte Reiner Pogarell.

Die Übersetzung des Interviews besorgte Jutta Tamasauskas.


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Der dänische Schriftsteller Niels Brunse (hier mit der Musikwissenschaftlerin Nila Parly) erhielt 2012 den „Modersmål-Prisen“, den Muttersprachenpreis. Brunse veröffentlichte mehrere Romane, Erzählungen und Gedichtbände und gehört zu den bekanntesten literarischen Übersetzern in Dänemark.

Modersmål-Selskabet

Die dänische Sprachgesellschaft Modersmål-Selskabet („Muttersprachengesellschaft“) wurde 1979 auf Initiative des Hochschullehrers Poul Hansen gegründet. Vorsitzender ist heute Jørgen Christian Wind Nielsen.

Wie der VDS hat sie das Ziel, die Muttersprache zu erhalten und weiterzuentwickeln. Sie vergibt seit 1980 den Muttersprachenpreis „Modersmål-Prisen“ an Personen, die die dänische Sprache in der Öffentlichkeit fördern. Diesjähriger Preisträger ist der Übersetzer und Autor Niels Brunse. Modersmål-Selskabet begeht seit einigen Jahren den Internationalen Muttersprachentag der UNESCO, um dafür einzutreten, dass jeder Mensch das Recht auf den Gebrauch seiner Muttersprache hat.

Das Dänische hat etwa 5,3 Millionen Muttersprachler, ist alleinige Landessprache von Dänemark und anerkannte Minderheitensprache in Deutschland. Dänischsprecher gibt es auch in Argentinien, Kanada, den Vereinigten Staaten und Schweden. Die Mitgliederzeitschrift von Modersmål-Selskabet heißt „Sprog og Samfund“ („Sprache und Gesellschaft“).


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