Im Gespräch

Frank-Michael Kirsch und Per-Åke Lindblom
Kampf für das Schwedische

Frank-Michael Kirsch Per-Åke Lindblom
Frank-Michael Kirsch (links) und Per-Åke Lindblom setzen sich mit „Språkförsvaret (Verteidigung der Sprache), einem 2005 gegründeten parteipolitisch unabhängigen Netzwerk, für den Erhalt der schwedischen Sprache ein. Sie wirkten bei der Formulierung des schwedischen Sprachgesetzes mit und setzen sich für Mehrsprachigkeit ein.

SN: Herr Lindblom, Herr Kirsch, Schwedisch ist eine alte, reiche und schöne Sprache, die von ihren Sprechern geliebt und geschätzt wird. Die Sprecher dieser Sprache gelten weltweit als friedliche und geachtete Menschen. Warum braucht ausgerechnet diese Sprache nun Verteidigung?

Kirsch: Schwedisch in Schweden ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Das Englische überflutet die schwedische Sprache. Es gibt sogar eine wachsende Zahl von Grund- und Gymnasialschulen, die Schwedisch durch Englisch als erste Unterrichtssprache ersetzen. Die meisten schwedischen Großunternehmen nutzen Englisch als Konzernsprache. Das Englische in der Werbung wächst stetig. Schon 2006 betrug der Anteil englischsprachiger Filme im schwedischen Fernsehen 80 Prozent, wie eine über das ganze Jahr laufende Untersuchung von Språkförsvaret ergab. Schweden ist, zusammen mit Dänemark und Finnland, Schlusslicht bei der Anwendung seiner eigenen Sprache in der EU.

SN: Ihre Antwort überrascht. Den zahlreichen deutschen Touristen fällt diese Situation ja nicht so auf. Man hat eher den Eindruck, in Schweden sei die Welt auch in sprachlicher Hinsicht in Ordnung.

Lindblom: Dieser Eindruck trügt. Eine Sprache stirbt in erster Linie deshalb, weil man sie auf einem Gebiet nach dem anderen nicht mehr anwendet, und nicht, weil man individuell Fremdwörter benutzt. Språkförsvaret misst deshalb dem Kampf für den Status des Schwedischen höchste Bedeutung bei und engagiert sich sprachpolitisch für drei Belange:

  1. Wir verteidigen die schwedische Sprache, insbesondere gegen die Expansion des Englischen;
  2. wir propagieren Mehrsprachigkeit und
  3. wir fördern das internordische Sprachverständnis.

SN: Was tut Ihre Organisation konkret, um Schwedisch zu stärken?

Kirsch: Språkförsvaret hat eine Politik für alle wichtigen Sprachdomänen formuliert: für die nationale Ebene durch ein Sprachgesetz, darüber hinaus für die Hochschule, das Schulwesen, das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen, das hier bezeichnenderweise „Public Service“ heißt, und für die nordische Sprachgemeinschaft. Wir bekämpfen die Verwendung des Englischen in der kommerziellen Werbung, wovon unser nächstes Buchprojekt handelt.

Im Grunde wollen wir zu der Einsicht beitragen, dass die schwedische Sprache ebenso wertvoll, ausdrucksstark und reich wie jedwede andere Sprache ist, ohne aus diesem Grund die Sprachen nationaler Minderheiten zu vernachlässigen oder Einwanderern das Recht zu verwehren, ihre eigene Sprache zu sprechen.

Die Erfolge schwedischer Krimiautoren haben auch damit zu tun, dass das deutsche Schwedenbild so unendlich rosarot, schon fast peinlich naiv ist.

SN: Sie formulieren hier eins zu eins die Politik des VDS. Im Kampf um ein Sprachgesetz sind Sie weiter als die deutschen Sprachfreunde. Warum ist Ihnen das Sprachgesetz so wichtig?

Lindblom: Weil wir uns damit besser für das Schwedische einsetzen können. 2005 war die Situation absurd: Es gab fünf offizielle Minoritätssprachen in Schweden, aber keine offizielle Hauptsprache. Schwedisch war offizielle Sprache in Finnland, doch nicht in Schweden.

Mit unserer Kampagne trugen wir dazu bei, dass die bürgerlichen Parteien die Frage zu der ihren machten. 2006 wurde der Beschluss gefasst, ein Sprachgesetz auszuarbeiten, das 2009 vom Reichstag einhellig angenommen wurde. Språkförsvaret funktionierte als Motor in diesem Prozess.

Wir erarbeiteten einen eigenen, weitergehenden Vorschlag für eine Gesetzesvorlage und wurden als einzige Bürgerorganisation in die Ausarbeitung des Gesetzes einbezogen. Wir sehen es als wichtigen Teilsieg, auch wenn es seine Mängel hat. Das Gesetz umfasst nur Pflichten, keine Rechte; seine Anwendung ist auf die „Kerntätigkeit“ der Behörden beschränkt und enthält keine Sanktionsmöglichkeiten. Doch wir können uns auf das Gesetz berufen, wenn wir beim Justizombudsmann Klage gegen Verstöße erheben.

Der Justizombudsmann entschied beispielsweise zu unseren Gunsten, als wir forderten, dass an schwedische Hochschulen gerichtete Stellenbewerbungen und Anträge auf Beförderung auch auf Schwedisch eingereicht werden dürfen. Einige Universitäten nahmen nämlich nur englischsprachige Anträge an.

SN: Es gibt ein Phänomen in Deutschland. Wir verschlingen skandinavische Bücher. Die Deutschen kennen Stockholm und Göteborg, aber sogar Ystad, Gotland und Öland gut aus sehr vielen erfolgreichen Büchern. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Kirsch: Mentalität spielt hier eine Rolle. Protagonisten in den Büchern haben eine starke Bindung an die Natur, das Bedürfnis nach Einsamkeit und Stille. Partnerbeziehungen werden unverblümt und unverkrampft geschildert. All das spricht Deutschen aus der Seele. Die nordeuropäische Literatur spiegelt eine antimondäne, Pomp und Pathos meidende, Natürlichkeit ausstrahlende Lebensart, den Sieg des Schlichten über das Schrille. So hätten viele Leser Deutschland gern. Der Erzählrhythmus in den Romanen, auch den Krimis, ist häufig ein langsamer, bedächtiger. Er vermittelt den Eindruck, Zeit zu haben, sich Zeit nehmen zu dürfen: Sand im Getriebe unserer hektischen Immer-erreichbar-sein-müssen-Welt.

Und dass schwedische Krimis in Deutschland gut ankommen, liegt einfach auch daran, dass viele davon gut geschrieben sind. Das Autorenpaar Sjöwall/Wahlöö wirkt da traditionsbildend; nicht zuletzt Stieg Larssons Millennium-Trilogie ist davon beeinflusst.

Ein wenig haben die Erfolge schwedischer Krimiautoren auch damit zu tun, dass das deutsche Schwedenbild so unendlich rosarot, schon fast peinlich naiv ist. Da fragen Leser wie einst Strindberg: Und wo liegen die seelischen Abgründe, die Untiefen? Das wissen Larsson, Mankell und Marklund – oder schreiben zumindest glaubwürdig darüber.

SN: Tack så mycket för svaren.
(Vielen Dank für das Gespräch.)

Die Fragen stellte Reiner Pogarell.

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Protest bei der Nobelpreisverleihung gegen die Abschaffung von Deutsch, Französisch, Russisch, Polnisch und Spanisch an der Hochschule Södertorn. Kirschs Plakatspruch (rechts) lautet übersetzt: „Sprachlose Hochschule. Schweden brüskiert Weltsprachen und ist stolz darauf“. Fotos: privat

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