VDS-Sprachnachrichten 1/2012
Denglisch

Waldschlösschen Bridge

Missverständnisse beim Dresdner Weltkulturerbe

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Graffiti als Meinungsäußerung zum Bau der Waldschlösschenbrücke in Dresden. Ob englische Muttersprachler oder angeforderte Fachübersetzer beim Ortstermin mit den Gutachtern der UNESCO beteiligt waren, ist nicht bekannt. Foto: Wimox/Wikimedia


Von Jan Lewerenz

Die Denkmalpflege genießt in Deutschland einen hohen Stellenwert. Sie bewahrt das nach den Kriegszerstörungen und Modernisierungsanfällen der Nachkriegszeit wenige Erhaltene. Oft sehnen sich die Bürger sogar die alten Stadtkerne zurück. International herausragende Denkmale schaffen es auf die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO, eines begehrten Titels, der eine Steigerung des Fremdenverkehrs verspricht.

In Dresden soll im Mai die Waldschlösschenbrücke eingeweiht werden, deren Bau zum Verlust des damals gerade erworbenen Welterbetitels führte – ein in Europa bisher einmaliger Vorgang. Auch wenn die Elbquerung durch ein Volksbegehren zustande kam, war die Umsetzung doch haarsträubend. Sicher war eine weitere Verkehrsverbindung notwendig. Aber im mehrjährigen „Dresdner Brückenstreit“ standen sich unvereinbare Parteien gegenüber: Anhänger einer Großbrücke und Umweltverbände, die jeglichen Verkehrsausbau ablehnten. Aber auch der Gebrauch der englischen Sprache hat hier zum Scheitern entscheidend beige- tragen.

In Unkenntnis der englischen „Fachdiskussion“ entwickelte sich die öffentliche Meinung in einer Parallelwelt der Ahnungslosen …

Um ein Bauwerk in die Liste des Weltkulturerbes eintragen zu lassen, müssen die Bewerber ihre Unterlagen in englischer oder französischer Sprache einreichen. Die Dresdner erstellten ihre Bewerbung auf Englisch. Der Bau der Waldschlösschenbrücke wird darin zwar erwähnt, bleibt allerdings unklar. Denn der Autor des englischen Textes benennt konsequent alle Denkmale in Dresden auf Englisch, so „Augustus Bridge“ für die berühmte Augustusbrücke, „Catholic Court Cathedral“ für die Hofkirche, oder „Pillnitz Palace“ für das Schloss Pillnitz. Dagegen werden Eigennamen, die unübersetzbar einen Ort oder eine deutsche Kulturtechnik bezeichnen, als deutscher Begriff eingeführt, wie zum Beispiel „Streuobstwiese“ oder „Elbe Schutzgesetz“. So wurde auch die „Waldschlösschenbrücke“ als deutscher Ausdruck belassen und ist damit für die Gutachter als Brücke nicht kenntlich. Das beigefügten Kartenmaterial ist deutschsprachig, enthält zwar den Hinweis auf die Waldschlösschenstraße, aber nicht auf die geplante Brücke.

Beim Ortstermin mit den Gutachtern der UNESCO (ebenfalls auf Englisch) verwechselten die Antragssteller bei einer Nachfrage zur „Waldschlösschenbrücke“, die englischen Begriffe für „stromaufwärts“ und „stromabwärts“. Ob englische Muttersprachler oder angeforderte Fachübersetzer beteiligt waren, ist nicht bekannt. Und schließlich trug das Planungskomitee die Brücke noch einer falschen Stelle in der Bewerbung als Weltkulturerbestadt nach.

In Unkenntnis der englischen „Fachdiskussion“ entwickelte sich die öffentliche Meinung in einer Parallelwelt der Ahnungslosen und wird in zwei scheinbar alternativlose Standpunkte gezwungen: Waldschlösschenbrücke unter Verzicht auf das Erbe oder Erbe ohne Elbquerung.


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