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VDS-Infobrief 2. Woche

Presseschau vom 11. bis 17. Januar 2012

  • Neues Verb: wulffen
  • Flüchtlinge im Hungerstreik für Deutschkurse
  • Unwort des Jahres 2011: „Döner-Morde“
  • Petition zum Schutz der deutschen Sprache
  • Hamburg bekommt keine englischen Straßennamen
  • Politikverdrossenheit durch nichtssagende Sprache
  • Sprachensterben ist Dikussionsthema im NDR Funkhaus
  • Emine Sevgi Özdamar erhält Poetik-Preis
  • Denglisch in der Stadt

Neues Verb: wulffen

Bundespräsident Christian Wulff hat der deutschen Sprache mit „wulffen“ ein neues Verb beschert. „Mittlerweile haben sich zwei Bedeutungen herauskristallisiert“, erklärte Holger Klatte, Sprachwissenschaftler und Geschäftsführer des Vereins Deutsche Sprache, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. So stehe das Verb „wulffen“  zum einen für das Vollreden eines Anrufbeantworters. „Die zweite Variante bedeutet, dass man nicht direkt die Wahrheit sagt, aber auch nicht direkt als Lügner dastehen will. Das heißt, dass man nicht direkt angegriffen werden kann. Aber so richtig vertrauenswürdig ist man trotzdem nicht. Wir werden sehen, ob sich eine Variante durchsetzt.“ Neu sei diese Form der Wortbildung aber nicht. Pasteurisieren, röntgen oder morsen seien teilweise über 100 Jahre alt. Seit einigen Jahren gebe es im Deutschen aber immer mehr Beispiele für wenig schmeichelhafte Verben, die von Politikernamen abgeleitet würden. Klatte nennt abwaigeln − nach dem früheren Finanzminister Theo Waigel. Das heißt soviel wie abzocken. Aus dem vergangenen Jahr sei das Verb guttenbergen oder guttenborgen. „Es gab früher auch den Begriff schrödern für rüpelhaftes Verhalten. Oder merkeln, das man mit zögerlichem Handeln verband.“, so Klatte (www.sueddeutsche.de, www.spiegel.de, newsticker.sueddeutsche.de, www.focus.de, www.fr-online.de, www.stern.de)

 

Flüchtlinge im Hungerstreik für Deutschkurse

In München waren minderjährige Flüchtlinge 14 Tage im Hungerstreik, um gegen die menschenunwürdige Unterkunft und die isolierenden Lebensumstände in der Erstaufnahmeeinrichtung in der stillgelegten Bayernkaserne zu protestieren. Sie forderten Ausbildungsplätze und Deutschkurse. Einige der 16 bis 18-Jährigen waren auch im Durststreik, 20 von ihnen sind ins Krankenhaus eingeliefert worden. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) erklärte, dass ab Februar der Deutschunterricht ausgebaut werde. Dies sei unabhängig vom Hungerstreik Teil eines längerfristigen Konzepts des Ministeriums, mit dem junge unbegleitete Flüchtlinge „nachhaltig die deutsche Sprache erlernen“ sollen. (www.taz.de, www.welt.de)

 

Unwort des Jahres 2011: „Döner-Morde“

Die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich hat am Dienstag (17. Januar) das Unwort des Jahres bekanntgegeben: „Döner-Morde“. „Damit wurden von Polizei und Medien die von einer neonazistischen Terrorgruppe verübten Morde an zehn Menschen bezeichnet“. In der Begründung heißt es: „Im Jahre 2011 ist der rassistische Tenor des Ausdrucks in vollem Umfang deutlich geworden: Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechts-terroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden.“ Zudem stehe der Ausdruck prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde. Damit habe der Begriff über Jahre hinweg die Wahrnehmung vieler Menschen und gesellschaftlicher Institutionen in verhängnisvoller Weise beeinflusst. Der Begriff „Döner-Morde“ lag mit 269 Einreichungen an der Spitze, gefolgt von „Stresstest“ und „Rettungsschirm“. Die Jury wählte auf den 2. Platz das Wort „Gutmensch“, mit dem insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des guten Menschen in hämischer Weise aufgegriffen werde, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren. Dies sei ein Widerspruch gegen die „Grundprinzipien der Demokratie“. Als „höchst unzulässige Relativierung“ kritisierte die Jury den von Angela Merkel verwendeten Ausdruck „marktkonforme Demokratie“. (www.zeit.de, www.sueddeutsche.de, www.fr-online.de, www.abendblatt.de)

 

Petition zum Schutz der deutschen Sprache

Im Internet kann noch bis zum 3. Juni eine Petition zum Schutz der deutschen Sprache unterzeichnet werden. Ernst Friedel (Deutschkanadischer Kongress) aus Waterloo, Kanada, hat die Petition ins Leben gerufen. Er und die bisher 258 Mitzeichner fordern von der Bundesregierung und den Kultusministerien der Länder, mehr für die Erhaltung und Pflege der deutschen Sprache zu tun. Weiteres gibt es hier: openpetition.de

 

Hamburg bekommt keine englischen Straßennamen

Das Hamburger „Abendblatt“ berichtetet, dass Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos), seit März 2011 im Hamburger Senat, den Namensvorschlägen „Chicago Square“ und „Opernboulevard“ eine Absage erteilt hat. Sprecher Enno Isermann sagte: „Nach Ansicht der Kulturbehörde ist Square keine passende Bezeichnung für einen Hamburger Platz. Das richtet sich aber nicht gegen unsere Partnerstadt Chicago, sondern allein gegen den englischen Teil der Namensgebung“. Hans Kaufmann, VDS-Beauftragter in Hamburg, bezeichnete den Chicago Square als „sprachliche Selbstkolonisierung“, der Anglizismus zeuge weder von Selbstbewusstsein noch Bürgernähe. In einer Umfrage des Hamburger „Abendblatts“ sprachen sich von 2240 Befragten 89 Prozent für einen deutschen Namen anstelle des Chicago Squares aus. Neue Vorschläge gebe es noch nicht. (www.abendblatt.de)

 

Politikverdrossenheit durch nichtssagende Sprache

Neben einem Kommentar zur Veränderung der Sprache durch neue Medien und den Einfluss deutscher Floskeln in den österreichischen Sprachgebrauch verweist der Leitartikel der „Oberösterreichischen Nachrichten“ darauf, dass vor allem Politiker in das Nichtssagende flüchten und somit ihre Glaubwürdigkeit verlieren würden. Dies habe viel zur Politikverdrossenheit beigetragen. (www.nachrichten.at)

Der Linguist Martin Haase hielt über „Sprachlichen Nebel in der Politik“ eine Rede, die hier zu sehen ist. Zusammen mit Kai Biermann klärt er auf der Seite neusprech.org über verschleiernde Sprache auf.

 

Sprachensterben ist Diskussionsthema im NDR Funkhaus

Thema des nächsten Herrenhäuser Gesprächs am 19. Januar um 19 Uhr im Kleinen Sendesaal des NDR Funkhauses ist: „Von schwindenden Worten – Sprache in der globalen Welt“. Hintergrund ist, dass die meisten der derzeit 6.500 Sprachen vom Aussterben bedroht sind. Zur Diskussion stehen, welchen Anteil daran moderne Kommunikationstechnologien haben, welche Vor- und Nachteile der Vormarsch der englischen Sprache hat und ob Sprache schützenswert ist. Auf dem Podium diskutieren: Anne Storch (Afrikanistin, Universität Köln), Christian Mair (Professur für englische Sprachwissenschaft, Universität Freiburg), Zafer Şenocak (Schriftsteller, Autor von „Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift“), Jürgen Trabant (Sprachwissenschaftler, Freie Universität Berlin), Stephan Lohr, NDR Kultur, moderiert die Gesprächsrunde. NDR Kultur sendet eine Aufzeichnung des Gesprächs am Sonntag, 5. Februar 2012, von 20.00 bis 22.00 Uhr. Veranstalter sind die „VolkswagenStiftung“ und „NDR Kultur“. (www.volkswagenstiftung.de, idw-online.de)

 

Emine Sevgi Özdamar erhält Poetik-Preis

Am Samstag wurde der Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar der mit 6.000 Euro dotierte Alice Salomon Poetik Preis 2012 verliehen. Der Preis ist mit einer Poetik-Dozentur verbunden und wird jährlich von der Alice Salomon Hochschule Berlin verliehen – seit Gründung ihres Masterstudiengangs „Biografisches und kreatives Schreiben“. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Gerhard Rühm, Michael Roes, Rebecca Horn und Eugen Gomringer. (www.welt.de, www.berliner-zeitung.de)

 

Denglisch in der Stadt

Die „Bild“-Zeitung geht durch Berlin und fragt „Warum wird hier nur Englisch gesprochen?“. In den Szenebezirken der Stadt werde zunehmend ausschließlich Englisch gesprochen. Christian Tänzler vom Tourismusportal „visitBerlin“ sagte: „Damit zeigt die Stadt, dass sie eine Weltstadt mit kosmopolitischer Atmosphäre ist.“ Viele Einheimische können damit aber nichts anfangen, so berichtete Rentnerin Ingeborg K. aus Berlin Mitte: „Wenn mein Mann Brötchen holen gehen will, steht er vor so einem Bagel-Shop und traut sich dort gar nicht, nach Schrippen zu fragen!". (www.bild.de)

Auch in Lüdenscheid gibt es viel Englisch, vor allem in der Werbung: „So wirbt das Modegeschäft „TK Maxx“ zum Beispiel mit Big labels, small prices statt mit „große Marken, kleine Preise“. Bei der „MVG“ kaufen Schüler das Fun Ticket, es heißt Event, statt Veranstaltung, Lift statt Fahrstuhl und Kinder können sich zu Karneval als Beautiful Butterfly statt als Schmetterling verkleiden.“ Doch das Nachrichtenmagazin „Der Westen“ kennt auch positive Sprachvorbilder: „Ein Pizzaservice ist unter der Nummer gegen Hunger zu erreichen“ und den besten deutschen Werbespruch habe ein Bäcker auf dem Wochenmarkt: „Manche backen mit Mehl, wir backen mit Leidenschaft.“ (www.derwesten.de)



Der Verein Deutsche Sprache im Internet: vds-ev.de, facebook.com
Das Haus der deutschen Sprache im Internet: www.hausderdeutschensprache.eu, facebook.com

 

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Redaktion: Monika Elias

 

 

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Medienecho

Der Bürgermeister Hans-Josef Vogel und die Stadt haben die vom Verein Deutsche Sprache vergebene Wortpatenschaft für den Namen ihrer eigenen sauerländischen Stadt übernommen: „Arnsberg“. Der ansässige Heimatbund hatte die Idee und überreichte dem Bürgermeister die Urkunde. Hans-Josef Vogel sagte, er freue sich darauf, die Pflichten der Patenschaft für das Wort zu übernehmen. „Wortpate für ‚Arnsberg‘“, Sauerlandkurier vom 28.03.2010

 

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stiftungdsDie Stiftung Deutsche Sprache wurde 2001 aus der Überzeugung gegründet, dass die deutsche Sprache ein Gemeingut von hohem Wert ist, das der bewussten Förderung und Entwicklung bedarf. Die Stiftung dient der Erhaltung, Pflege und Weiterentwicklung dieser Sprache. Sie ist weltanschaulich neutral, politisch unabhängig und verfolgt ausschließlich gemeinnützige Zwecke.

Sprüche

„Um die deutsche Sprache ist es nicht gut bestellt. Schuld daran sind die Werbung, ein Teil der Medien und auch einige Politiker. Sie wollen der deutschen Sprache den Garaus machen. Doch der Versuch, sie abzuschaffen, wird scheitern.“

Hans Magnus Enzensberger am 21.10.2007 in der Bildzeitung