Infobriefe 2012

Donnerstag, 16. Februar 2012

VDS-Infobrief 6. Woche

Presseschau vom 8. bis 14. Februar 2012

   

Ende der Debatte über Spracherwerb von Migranten

Das Magazin „Migazin“ fasst die Positionen über die Rolle der Muttersprache beim Spracherwerb von Migrantenkindern zusammen und fordert ein Ende der mehrjährigen Debatte. So will der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan, dass türkischstämmige Kinder in Deutschland erst Türkisch und dann Deutsch lernen (siehe Infobrief 9. Woche/2011). Politiker wie Außenminister Guido Westerwelle, Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich und der CSU-Parteivorsitzende Horst Seehofer hingegen wollen, dass die deutsche Sprache beim Spracherwerb Vorrang hat. Bundeskanzlerin Merkel möchte die beiden Sprachen „zumindest gleichgestellt“ wissen und riet wiederholt dazu, dass türkische Kinder und Jugendliche in deutsche Schulen und nicht auf türkische Gymnasien gehen und Deutsch lernen sollten. Die Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer, betonte die große Rolle der deutschen Sprache zur Integration. Das „Migazin“ verdeutlicht, dass die Diskussion realitätsfern sei: Spätestens beim Eintritt in die Grundschule finde der Erwerb beider Sprachen auf keinen Fall mehr in zwei voneinander isolierten Prozessen statt. Nachteile für die sprachliche Entwicklung durch einen gleichzeitigen Spracherwerb gebe es nicht, wie Wissenschaftler herausgefunden hätten. Sinnvoller sei es, die Gleichzeitigkeit des Spracherwerbs im Deutschen und im Türkischen zu nutzen und beides miteinander zu kombinieren. Zudem sei es notwendig, längere Zeiträume für den Erwerb des Deutschen als Zweitsprache einzuplanen, anstatt nur kurzfristige, auf einzelne Schularten und Altersstufen beschränkte Initiativen zu starten. Nur durch systematische Förderung beider Sprachen könne vermieden werden, dass eine Sprache nur unzulänglich beherrscht werde oder es im schlimmsten Fall zu einer doppelten Halbsprachigkeit komme. (www.migazin.de)

 

Zu viele Amtssprachen in der EU?

Die Wirtschaftswissenschaftler Shlomo Weber (Southern Methodist University, Dallas) und Victor Ginsburgh (Freie Universität Brüssel) schlagen der EU-Verwaltung vor, aus ökonomischen Gründen auf 17 der 23 Amtssprachen zu verzichten. Ausreichend seien Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Polnisch. Die Sprachenvielfalt in der EU sei teuer (mehr als eine Milliarde Euro werde für die Übersetzungen in der EU-Verwaltung benötigt) und beinträchtige Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Verständnis. Weber und Ginsburgh stellen aber auch fest, dass zwei Drittel der EU-Bürger benachteiligt wären, wenn Englisch die Leitsprache der EU würde. Gesetze, Regeln und Debatten blieben für die Mehrheit unverständlich, somit könnte sie sich kaum Einfluss verschaffen. Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ erklärte, dass die EU das Abschaffen von Sprachen wie Bulgarisch, Dänisch, Finnisch und Griechisch wohl kaum überleben würde. Allein der Respekt vor der Kultur der Nationen verbiete eine Reduzierung der Sprachvielfalt. (www.derwesten.de, www.presseportal.de)

 

Anglizismus des Jahres: „Shitstorm“

Am Montag (13.2.) hat eine Jury um den Hamburger Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch den Begriff „Shitstorm“ zum Anglizismus des Jahres 2011 „hochgepuscht“, um ein Zeichen für einen positiven Einfluss der Worte englischen Ursprungs auf die deutsche Sprache zu setzen. „Shitstorm“ meint die öffentliche Entrüstung im Netz, bei der sich Argumente mit Beleidigungen und Bedrohungen mischen, zuletzt etwa gegen Banken. (www.abendblatt.de, www.faz.net, www.taz.de) In der Begründung heißt es, dass keine passende deutsche Übersetzung für das vor allem im Internet gebräuchliche Wort existiere. Oliver Baer, VDS-Vorstandsmitglied, Autor und freiberuflicher Berater für Marketing und Unternehmenskultur, kritisiert insbesondere die Begründung, dass „Shitstorm“ eine Lücke im deutschen Wortschatz fülle. Baer erklärt, warum genau dieses Argument nicht infrage komme: „Fremdwörter füllen jede Lücke, sobald man der Muttersprache nicht mehr zutraut, sie könnte die Lücke aus dem vorhandenen Wortschatz schließen, durch Neuschöpfung oder durch Bedeutungsverschiebung.“ Es sei unverständlich, warum Linguisten in der Jury mit fehlerhafter Logik argumentierten. Manches Fremdwort verdiene es, dass man ihm eine Lücke geradezu andiene. „Aber bei Begründungen wie dieser unterliegt jeder Anglizismus erst einmal dem Generalverdacht, dass er schon deshalb überflüssig sei, weil er der Schöpfung eines witzigeren, verständlicheren und daher überlegenen Wortes aus dem vertrauten Wortschatz dermaßen gründlich im Wege steht, dass die Leute gar nicht mehr im eigenen Schatz zu kramen beginnen.“ Baer schließt, dass der „Anglizismus des Jahres“ so wenig nütze wie das „Wort des Jahres“ und das „Unwort des Jahres“. (www.baer-coach.de) Der VDS-Angiszismen-Index schlägt „Empörungswelle“ für „Shitstorm“ vor. Der VDS-Anglizismen-Index macht Vorschläge für Anglizismen, auch für jene, für die es im Deutschen (noch) keine Entsprechung gibt und entwickelt so die deutsche Sprache weiter. Damit zeigt das Projekt, dass die deutsche Sprache in allen thematischen Bereichen ausbaufähig und lebendig ist. (www.vds-ev.de)

 

Deutsch im Ausland

Der „SchulSPIEGEL“ berichtet über sinkende Deutschlernerzahlen in Europa. Trotz Werbekampagnen würden unsere Nachbarn „zu Deutschmuffeln“. Zwar seien die Deutschlernerzahlen in den stark von der Wirtschaftskrise betroffenen Ländern wie Spanien und Griechenland sprunghaft angestiegen, jedoch nur die der Erwachsenen, Jugendliche fänden Deutsch nicht attraktiv. Das Statistische Bundesamt veröffentlichte, dass in den Niederlanden etwa der „Anteil dramatisch von 86 auf 44 Prozent, in Dänemark von 50 auf 35 Prozent und in Schweden von 35 auf 27 Prozent“ gesunken sei. Auch in Osteuropa gebe es einen Deutschschülerschwund. Ulrich Ammon, Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Duisburg-Essen, sieht als Ursachen die deutsche Wiedervereinigung und die Auflösung der Sowjetunion: „Früher wurde dort über den eigentlichen Bedarf hinaus Deutsch unterrichtet“, sagt er. „Englisch sollte kleingehalten werden und die Kontakte zur DDR und das Interesse an den Schriften von Marx und Engels taten ihr Übriges, dass viele Schüler Deutsch als Fremdsprache wählten.“ In Frankreich habe Deutsch durch die Musikgruppe „Tokio Hotel“ zeitweise einen Beliebtheitszuwachs erhalten. Ammon erklärte jedoch, dass Beliebtheit von Popgruppen und Städten wie Berlin nicht überbewertet werden sollten. Er erklärte: „Dafür spielt Deutschland in der internationalen Jugend- und Popkultur eine zu unwichtige Rolle". Wichtiger sei die eigene Familie: „Schüler entschieden sich oft für Deutsch, weil es schon die Eltern lernten.“ In Afrika stecke großes Potential aufgrund der Hoffnung auf berufliche Chancen durch Deutschkenntnisse. Auch in Asien, vor allem in Indien, investiert Deutschland viel in Initiativen für Deutschunterricht. (www.spiegel.de)

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) veranstaltete im Januar in Israel ein internationales Symposion zum Thema „Deutsch in Israel“ mit rund 70 Teilnehmern. GfdS- Geschäftsführerin Andrea-Eva Ewels beschrieb ihren Eindruck, Deutsch in Israel sei nach zwei Generationen wieder angesehen. Die Jugendlichen sagen: „Deutsch lernen ist cool - vor allem wegen Tokio Hotel“. Seit 2006 gebe es eine Trendwende, seit der Weltmeisterschaft in Deutschland. Und sie bemerkte ein regelrechtes „Fieber: Alle wollen jetzt nach Berlin“. (www.allgemeine-zeitung.de)

Um die Niederländer zum Deutschlernen zu motivieren, wirbt die „Aktionsgruppe Deutsch“ („Actiegroep Duits“) vom Goethe-Institut und der Handelskammer mit sogenannten „Mach-mit-Mobilen“ ab sofort in niederländischen Schulen für Deutschland. Auslöser für die neue Kampagne war das Ergebnis einer Umfrage im Auftrag des Bildungsministeriums in Den Haag. Demnach finden 71 Prozent aller niederländischen Schüler Deutsch uninteressant, 61 Prozent sogar hässlich. Deutschland ist wichtigster Wirtschaftspartner für die Niederlande. Schätzungen zufolge gehen niederländischen Unternehmen jährlich rund sieben Milliarden Euro an Umsatz verloren, weil den international tätigen Unternehmen deutschsprachiges Personal fehlt. (www.dradio.de)

Kiezdeutsch kein neuer Dialekt

Holger Klatte, VDS-Geschäftsführer und -Sprecher, erklärte den Zeitungen „The Epoch Times“ und dem „Berliner Kurier“, dass das sogenannte Kiezdeutsch kein neuer Dialekt, sondern Folge mangelnder Sprachförderung sei. Es sei Warnzeichen dafür, dass in bestimmten Regionen und Ballungsräumen wie Berlin die Sprachentwicklung vernachlässigt worden ist. Zuwanderer sowie Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Schichten seien nicht ausreichend gefördert worden. Klatte forderte, mehr in den Deutschunterricht an Schulen zu investieren, und berichtete: „Uns werden zunehmend Klagen von Lehrern zugetragen, die in ihrem eigenen Unterricht sehen, dass gerade in sozialen Problemgebieten die Sprachkenntnisse der Schüler nachlassen“. Dies führe vor allem zu Nachteilen bei der Berufssuche. Die Vorsitzende des Landes-Schülerausschusses in Berlin, Beatrice Knörich, findet es „äußerst bedenklich, dass auch deutsche Jugendliche mittlerweile so sprechen.“ Die Linguistin Heike Wiese hingegen fordert in ihrem letzte Woche erschienen Buch „Kiezdeutsch: Ein neuer Dialekt entsteht“ mehr Verständnis für diese neue Sprechweise (siehe auch VDS-Infobrief 4. Woche/2012). In einer Umfrage vom „Berliner Kurier“ meinten 88 Prozent, dass Kiezdeutsch unsere Sprache kaputt mache. (www.epochtimes.de, www.berliner-kurier.de, www.tlz.de)

 

Pfeifsprache auf La Gomera vom Aussterben bedroht

Der „Spiegel“ berichtet über „El Silbo“ (übersetzt: der Pfiff). Diese Pfeifsprache ist limitiert auf vier Vokale (a, e, i, o) und vier Konsonanten (ch, k, y, g) und existiert nur noch auf La Gomera, der zweitkleinsten der Kanarischen Inseln. Die über 500-jährige Sprache aus melodischen Pfeiflauten, die wie eine Art Zwitschern klingt, hat eine akustische Reichweite von bis zu 8 Kilometern, doch Handys und Zivilisationslärm bedrohen ihr Bestehen. Die UNESCO nahm El Silbo vor 30 Jahren in die Liste der erhaltenswerten Kulturgüter auf. Die Einwohner versuchen ihre Sprache zu retten, El Silbo ist Pflichtfach in allen Grundschulen der Insel und erste Fremdsprache. Zunächst lernen die Schüler verschiedene Töne zu treffen, später sollen sie ihre Namen und ganze Sätze zwitschern können. (www.spiegel.de)

 

Begriff „Schwarzfahrer“ diskriminiert nicht

Linken-Stadtrat Orhan Akman sieht in dem Wort „Schwarzfahrer“ einen rassistischen Hintergrund. Akman hatte im November bewirkt, dass das Wort „Eismohr“ künftig vom Oktoberfest verbannt wird und fordert nun in einem Antrag, „Schwarzfahrer“ durch einen nichtdiskriminierenden Begriff zu ersetzen. Akman erklärte, diese umgangssprachliche Bezeichnung für Menschen ohne Fahrkarte sei rassistisch, „da sie die Hautfarbe bestimmter Menschen in einen negativen Kontext stellt“. Sprachforscher und Linguisten erklärten der „Abendzeitung München“ (AZ), dass „Schwarzfahrer“ überhaupt nicht rassistisch sei. Christiane Wanzeck, Linguistin an der Ludwig-Maximilians-Universität, erklärt „schwarz“ stehe hier für illegal, für etwas, das im Dunkeln, im Verborgenen passiere. Das habe mit der Hautfarbe nichts zu tun, so wie ein blinder Passagier nichts mit Blinden zu tun habe. Eric Fuß von der Universität Leipzig erklärt, dass der Begriff nach wohl auf den jiddischen Ausdruck „shvarts“ für „Armut“ zurückgehe. Die AZ folgert: „Solche bizarren Gedankengänge verharmlosen den wahren Rassismus, den es nach wie vor gibt.“ (www.abendzeitung-muenchen.de)

 

Digitales Wörterbuch „Owid“

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ stellt das digitale Wörterbuch „Owid“ vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache vor. Owid unterscheide sich von herkömmlichen Wörterbüchern durch die Quelle der täglichen elektronischen Textproduktion. Es nimmt nach einem automatischen Suchverfahren neue Wörter auf, wenn sie in mehr als acht Textdokumenten im Internet erscheinen, und entfernt sie, wenn sie die Trefferquote unterschreiten. Die Grundlage von 300.000 Einträgen hat ein korpuslinguistisches Computerprogramm vor zehn Jahren mit Stammwörtern gebildet. Ziel von Owid sei die Definition einer neuen Sprachgrenze, die dem sprachlichen Reflex des digitalen Wandels Rechnung trage. Zu den aufgenommenen Neuwörtern zählen auch Anglizismen. Die FAZ urteilt: „Für ein Institut, das sich der Erforschung der deutschen Sprache in ihrer neueren Geschichte verschrieben hat, ist die Hürde für englische Wortimporte erstaunlich gering.“ (www.faz.net, www.owid.de)




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Donnerstag, 09. Februar 2012

VDS-Infobrief 5. Woche

Presseschau vom 1. bis 7. Februar 2012

   

Donnerstag, 02. Februar 2012

VDS-Infobrief 4. Woche

Presseschau vom 25. bis 31. Januar 2012

  • Her mit der Sprachförderung
  • VDS lobt Siemens
  • Politiker fordern leichte Sprache
  • Kiezdeutsch
  • Wissenschaftssprache Englisch oder Deutsch?
  • Neues Forschungsprojekt über Alemannisch
  • Kulturpreis für Lebenswerk an Marcel Reich-Ranicki
  • Schreibenlernen mit „Invented spelling“ (erfundenem Buchstabieren)
  • Ulm will mehrsprachig sein
  • Umfrage: Deutsche und Franzosen werten Sprachen

   

Dienstag, 24. Januar 2012

VDS-Infobrief 3. Woche

Presseschau vom 18. bis 24. Januar 2012

  • „Willkommen zu...“: eine anglisierte Präposition?
  • Studie über frühkindliche Sprachförderung
  • Uwe Timm erhält Carl-Zuckmayer-Medaille
  • Elsässisch in Frankreich
  • Zwei Brüder-Grimm-Jahre
  • Umfragen: Anglizismen in der Werbung
  • Musik in Mundart
  • „Der Freitag“ entdeckt neue Form von Heimatliteratur

   

Donnerstag, 19. Januar 2012

VDS-Infobrief 2. Woche

Presseschau vom 11. bis 17. Januar 2012

  • Neues Verb: wulffen
  • Flüchtlinge im Hungerstreik für Deutschkurse
  • Unwort des Jahres 2011: „Döner-Morde“
  • Petition zum Schutz der deutschen Sprache
  • Hamburg bekommt keine englischen Straßennamen
  • Politikverdrossenheit durch nichtssagende Sprache
  • Sprachensterben ist Dikussionsthema im NDR Funkhaus
  • Emine Sevgi Özdamar erhält Poetik-Preis
  • Denglisch in der Stadt

   

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