AG Denglisch
Gruppenleiter
(Denglisch im Unterricht)
Franz Aschenbrenner
Kalvarienbergweg 11
93413 Cham
Fax 09971-18 52 117
faxcham @ web.de
Suche
Heinz-D. Dey - Allgemeinbildende Schulen und Sprache - Diskussionsentwurf
1. Einleitung
Die unterschiedlichen Positionen und Bestrebungen beim mutter- und fremdsprachlichen Unterricht in den allgemeinbildenden Schulen erfordern ein Nachdenken über die langfristigen Folgen für die kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit unseres Landes und für die Identität der Bürger mit der Gesellschaft. Dazu gehören Themen wie Schulaufsicht, Rang des muttersprachlichen Unterrichts, Privatschulen, Internationale Schulen, bilingualer Unterricht und Immersionsuntericht.
Folgendes Zitat (Übersetzung vom mir) aus dem Buch "Language Death" von David Crystal stelle ich an den Anfang dieser Diskussionsunterlage:
"(…) Wenn sich eine Kultur einer anderen angleicht, scheint die Reihenfolge der Ereignisse, die die bedrohte Sprache betrifft, überall dieselbe zu sein. Es gibt drei Stufen. Auf der ersten Stufe entsteht ein enormer Druck auf die Leute, die vorherrschende Sprache zu sprechen. Dieser Druck kann aus politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Quellen kommen; von oben in Form von Anreizen, Empfehlungen oder Gesetzen, die von einer Regierung oder nationalen Körperschaften eingeführt sein können, oder von unten in Form einer modischen Entwicklung oder des Drucks einer Bezugsgruppe innerhalb der Gesellschaft, der sie angehört. Oder aber der Druck könnte eine unklare Richtung haben und als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen sozialpolitischen und -wirtschaftlichen Faktoren auftauchen, die nur teilweise erkannt und verstanden wird. Woher der Druck auch immer kommt, das Ergebnis ist - Stufe 2 - eine Periode entstehender Zweisprachigkeit, da die Leute zunehmend gewandter in ihrer neuen Sprache werden, während sie die Fähigkeiten in ihrer alten noch bewahren. Dann beginnt diese Zweisprachigkeit oft ganz schnell abzunehmen, und der neuen Sprache wird der Weg freigegeben. Das führt zur dritten Stufe, auf der die jüngere Generation in der neuen Sprache immer kundiger wird, sich mit ihr identifiziert und ihre alte Sprache für ihre neuen Bedürfnisse als weniger wichtig ansieht. Dies ist oft mit einem Schamgefühl beim Gebrauch der alten Sprache verbunden, sowohl auf Seiten der Eltern als auch ihrer Kinder (…)". [Originaltext s. Fußnote am Schluß]
Natürlich liegt Deutsch mit etwa 100 Millionen Sprechern nicht im Sterben. Dennoch lassen sich einige Parallelen zum Crystal-Zitat feststellen:
- Stellung der deutschen Sprache in den EU-Gremien
- Englisch als Forschungs- und Lehrsprache an den deutschen Universitäten
- Englisch als erste Pflichtfremdsprache ab der Grundschulklasse
- Englisch in den Kindergärten
- Englisch bei Produktbeschriftungen
- Englisch als Arbeitssprache in deutschen Betrieben
- Englisch auf Hauptversammlungen
- Englisch als Konferenzsprache bei wissenschaftlichen Veranstaltungen
- Englischsprachige internationale Schulen
- Englischer Immersionsunterricht
- Ansehensverlust der deutschen Sprache bei unseren Landsleuten (Anglizismen, Gesang)
- Abnehmendes Interesse an Deutsch als Fremdsprache im Ausland
2. Neuordnung des Fremdsprachenunterrichts
UNESCO und EU fordern den Erhalt der sprachlichen Vielfalt und das Erlernen von Fremdsprachen.
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat in seiner Rede vor dem Deutschen Philologenverband an der Humboldt-Universität in Berlin anläßlich des Europäischen Jahres der Sprachen (2001) beklagt, "daß sich der fremdsprachliche Unterricht in Deutschland weit vom Humboldtschen Bildungskonzept entfernt hat" und gefordert, "daß bei der Auswahl der Sprachen nicht nur auf Englisch, Französisch und Spanisch gesetzt werden sollte". Er fragt in diesem Vortrag, "warum in Europa nicht stärker als bisher Sprachnachbarschaften genutzt werden."
Diese Einsichten haben bei uns noch keine Änderungen in den allgemeinbildenden Schulen nach sich gezogen. Die jetzigen sprachlichen Schulmaßnahmen zielen fast ausschließlich auf Englisch als erste, einzig ernst zu nehmende Fremdsprache. Vergleichsstudien wie PISA haben immerhin die Bedeutung der deutschen Sprache z. B. für den Wissens- und Erfahrungserwerb bewußt gemacht.
Fremdsprachenerwerb fördert die geistige Entwicklung und das Verständnis für die eigene Muttersprache und ist deshalb für die schulische Bildung wichtig. Für die Auswahl und Anzahl der zu erlernenden Fremdsprachen sind Begabungen, Lebensentwürfe und Wünsche der Schüler und Eltern, evtl. unter Einbeziehung von Lehrern, vorrangig. Die staatliche Bevormundung ist mit den demokratischen Werten wie Freiheit und Eigenverantwortung nicht vereinbar. Die Einbeziehung in den Fächerkanon ist bei Fremdsprachen nicht erforderlich. Für alle Schultypen ist lediglich ein Schulabschlußnachweis für eine einzige Fremdsprache zur Pflicht zu machen. Daneben können die Schüler als Kür je nach Vorlieben weitere Sprachen freiwillig erlernen. Die Fremdsprachen werden nicht vorgeschrieben. Auf diese Art wird erreicht, daß der Zeitaufwand für das Erlernen von Fremdsprachen persönliche Interessen und Entwicklungen berücksichtigt. Streitereien über die erste Fremdsprache an den Schulen (z. B. Rheinschiene) sind damit ausgeschaltet. Fremdsprachen sind in einigen Fällen existentiell wichtig, haben aber in vielen Fällen fast keine wirtschaftliche Bedeutung. Ein Bäcker wird wegen seiner guten Backwaren und nicht wegen seiner Fremdsprachenkenntnisse geschätzt. In Anbetracht der angespannten Haushaltslage unseres Landes wird der verkrustete Ist-Zustand des Fremdsprachenunterrichts dem Bedarf mit Auswirkung auf die Kosten angepaßt.
Da auch Kindergärten zu einer Bildungseinrichtung ausgestaltet werden sollen, eine Maßnahme die grundsätzlich zu begrüßen ist, ist folgende bedenkliche Aussage erwähnenswert: "Wie in der Hirnforschung nachgewiesen wurde, sind Kinder im Alter von drei Jahren besonders aufnahmefähig für das spielerische Erlernen von Fremdsprachen." Solche Behauptungen können nicht Grundlage für das Bildungsangebot in Kindergärten sein, denn dahinter stehen materielle Interessen, die das Gemeinwohl nicht im Blick haben. Mit dem "spielerischen" Erlernen der englischen Sprache ist eine Herabsetzung der eigenen Muttersprache zugunsten der künftigen "Herrschaftssprache" verbunden. Es wird vermutlich nicht lange dauern, bis die Kinder auf den Martinsumzügen englische Kinderlieder singen. Beispiele aus den Kindergärten und für andere Altersgruppen gibt es bereits. Vorrangig im frühkindlichen Alter ist der Erwerb guter deutscher Sprachkenntnisse. Die Deutsch-Probleme sind nicht nur vor dem Migrationshintergrund vieler unserer Kinder bekannt. Eine ähnlich einseitige Sichtweise zeigt die Feststellung "Musikunterricht fördert die Intelligenz" oder "Dialekt ist gut für das Denkvermögen" auf. Die "besondere" Aufnahmefähigkeit im frühkindlichen Alter ist für alle Bildungsangebote gleichermaßen gegeben und unbestritten. Nichts gegen Dialekte, Musik und Englisch, aber die Auswahl sollte nach objektiven und begabungsorientierten Maßstäben durchgeführt werden.
Eine Privatisierung des breiter gefächerten Fremdsprachenangebots oder eine öffentlich-private Zusammenarbeit (PPP) von Schulen und Sprachschulen könnte langfristig eine praktikable Lösung sein.
Wirtschaftlich könnten wir auf diese Weise einen Pluspunkt im internationalen Wettbewerb gewinnen, weil wir die Sprache unserer ausländischen Kunden und sonstigen Partner sprechen.
Wir sollten viel häufiger auf Dolmetscher und Übersetzer, auch in der Wirtschaft, zurückgreifen, wenn wichtige Gespräche geführt werden. Arbeitsteilung hat bekanntlich allen am Wertschöpfungsprozeß Beteiligten wirtschaftlich genutzt. Warum sollte das nicht im Kommunikationsbereich sinnvoll sein? Es sollte nicht unerwähnt bleiben, daß dadurch mittelfristig zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.
Der Vorschlag der Liberalisierung des Fremdsprachenunterrichts an allgemeinbildenden Schulen schert sicherlich aus dem bisherigen englischzentrierten Denken aus und ist gewöhnungsbedürftig und als langfristiges Projekt zu betrachten, insbesondere weil der wirklichkeitsnahe Trott überwunden werden muß. Dennoch bietet er unserem Land langfristig gesehen - nicht nur wegen seiner 10 direkten Sprachgrenzen - bessere Entwicklungschancen als bisher. Außerdem kann man im Hinblick auf die neuen Wirtschaftsmächte flexibler auf die sprachlichen Anpassungen reagieren.
Gerade wegen der Globalisierung/Internationalisierung und Kommerzialisierung fast aller Bereiche ist der Achtung der Landessprachen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Globalisierung wird meist nicht als natürlicher freier Handel und Kapitalverkehr verstanden, sondern ist zur Ideologie erhöht worden, die die meisten mit Englisch verbinden. Unser Export in Länder, in denen (u. a.) Englisch Amtssprache ist, beträgt übrigens nur etwa 20 %.
Wer den Wettbewerb bejaht, muß auch den Wettbewerb der Fremdsprachen in den Schulen befürworten.
3. Deutsch als Unterrichtssprache
Von allen politischen und pädagogischen Seiten wird eine Verbesserung der Schulsituation gefordert. In der Öffentlichkeit ist ein Bild entstanden, das einer Katastrophe ähnelt: Ungenügende Forderung schwacher Schüler, mangelhafte sprachliche Vorbereitung ausländischer Schüler auf den Schulunterricht, unbefriedigende Förderung Hochbegabter, Mängel bei der Lehrerausbildung, Bürokratie, PISA und Jammern der Eltern über ein unzureichendes Unterrichtsangebot. Bei diesen Gegebenheiten ist es kein Wunder, daß sich der UNESCO-Beauftragte Muñoz bemüßigt fühlte, uns zu sagen, was wir falsch machen. Das ist besonders demütigend, da wir auf dem pädagogischen Gebiet in der Vergangenheit Großartiges geleistet haben. Es sei beispielhaft an Humboldt erinnert.
Alle sind sich darüber einig, daß es ohne gute Kenntnisse in der Muttersprache (Lese- und Schreibfähigkeit) keinen ergebnisorientierten Fortschritt bei der schulischen Bildung geben kann.
Wir sollten uns durch die interessengeleitete Forderung nach einem meistens zeitaufwendigen Erlernen von zwei oder drei Fremdsprachen nicht auf einen Irrweg locken lassen und die für die deutsche Wirtschaft wichtigen naturwissenschaftlichen Fächer vernachlässigen. Man kann nicht die Schulzeit für den gymnasialen Schultyp verkürzen und den Unterrichtsstoff mit ggf. fremdsprachlichem Ballast erhöhen.
Der deutsche Lehrerverband beklagt, daß der Deutschunterricht bei uns im Vergleich zu anderen Ländern immer noch zu gering ist. In Deutschland umfaßt der muttersprachliche Unterricht 16% des Gesamtunterrichts, während in den meisten Ländern der Welt zwischen 23 und 26 % üblich sind. Der Grundwortschatz an den Grundschulen wurde beispielsweise in Bayern binnen weniger Jahre von 1.100 auf 700 im Jahre 1990 heruntergefahren. Das sei das alte untaugliche Konzept, die Meßlatte möglichst tief nach unten zu hängen, damit möglichst viele Schüler darüber springen können.
Diese unbefriedigende Situation hat dazu geführt, daß die Nachfrage nach Privatschulen zunimmt. 1992 gab es 1.991, 2004 2.686 Privatschulen, entsprechend einer Zunahme von 35 %. Wahrscheinlich werden wir mittelfristig den Stand unserer Nachbarn erreichen: Frankreich 25 %, England 30 %, Belgien 50 %, Niederlande 70 %.
Um so wichtiger ist es, folgende beunruhigenden Zeitungsnotizen zur Kenntnis zu nehmen und die erforderlichen gesetzlichen Regelungen jetzt zu treffen:
Erste dreisprachige Grundschule in Hessen (Main-Spitze vom 24. 3. 2006)
Heimatkunde und Sachkundeunterricht auf englisch in Pinneberg (Hamburger Abendblatt vom 24. 3. 2006)
Grundsteinlegung an der Frankfurt International School (FAZ 9. 3. 2006)
In Schleswig-Hostein gilt die Genehmigung nur für die Carl-Eitz-Schule in Pinneberg. Eine allgemeine Zusage gibt es m. W. in diesem Lande nicht. In Hamburg ist der Immersionsschulunterricht von Prof. Wode (Anglist) an der Grundschule Max-Eichholz-Ring, der Schule an der Gartenstadt und der Rudolf-Ross-Gesamtschule eingeführt worden. Immersionsunterricht bedeutet hierzulande, daß alle Fächer auf englisch und nur Deutsch auf deutsch unterrichtet wird.
Für diese Methode wird vom "German Institute for Immersive Learning" (!) geworben. Ein deutschsprachiger Ausgleich im Elternhaus ist meistens nicht vorhanden, da dort über Sachfächer nicht mehr gesprochen wird - wenn denn überhaupt über etwas gesprochen wird. Die deutschen Lese- und Ausdruckfertigkeiten bei den betroffenen Schülern werden zurückgehen und unsere Schwierigkeiten im internationalen Vergleich vergrößern. Ein weiteres Problem ist die Verfügbarkeit der fremdsprachigen Muttersprachler als Lehrer. Das immer wieder angeführte Beispiel Kanadas kann für Deutschland nicht beispielhaft sein, weil wir in unserem Land keine englischen und französischen Bevölkerungsteile haben, so daß wir uns mit dem Thema nicht zu befassen brauchen. Nach Angaben des Instituts gibt es inzwischen in allen Bundesländern Anwender und Multiplikatoren. Es ist zu befürchten, daß weitere Ausnahmegenehmigungen der Kultusministerien erteilt werden.
Der bilinguale Unterricht, steht ebenfalls in einem offenkundigen Widerspruch zu den Forderungen nach verbessertem Deutschunterricht, um im internationalen Vergleich vordere Rangplätze zu belegen. Der bilinguale Unterricht ist zudem eine Mogelpackung, weil Sachfächer nicht mehr auf deutsch, sondern (zeitweise) auf nur auf englisch unterrichtet werden.
Es besteht die Gefahr, daß - in Generationen gedacht - unsere Sprache und Kultur zur Disposition gestellt wird. Eine gesetzliche Festlegung, die es bisher nicht gibt, ist unumgänglich.
Heinz-D. Dey, Stand: 7. 9. 2006
Anhang: Originalzitat aus dem Buch "Language Death" von David Crystal:
"(…) When one culture assimilates to another, the sequence of events affecting the endangered language seem to be the same everywhere. There are three broad stages. The first is immense pressure on the people to speak the dominant language - pressure that can come from political, social, or economic sources. It might be ‚top down', in the form of incentives, recommendations, or laws introduced by a government or national body; or it might be ‚bottom up', in the form of fashionable trends or peer group pressures from within the society of which they form a part; or again, it might have no clear direction, emerging as the result of an interaction between socio-political and socioeconomic factors that are only partly recognized and understood. But wherever the pressure has come from, the result - stage two - is a period of emerging bilingualism, as people become increasingly efficient in their new language while still retaining competence in their old. Then, often quite quickly, this bilingualism starts to decline, with the old language giving way to the new. This leads to the third stage, in which the younger gener-ation becomes increasingly proficient in the new language, iden-tifying more with it, and finding their first language less relevant to their new needs. This is often accompanied by a feeling of shame about using the old language, on the part of the parents as well as their children. (…)"
| < Zurück | Weiter > |
|---|
Deutsch in der Gegenwart