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Von Gerhard H. Junker

Anglizismen, die in die Irre führen

Anglizismen verdrängen nicht nur gute und aussagekräftige deutsche Wörter oder ganze Wortfelder wie „Ticket“ „Fahrkarte, Eintrittskarte, Flugschein, Kinokarte, Knöllchen“; sie verflachen nicht nur die deutsche Sprache und verderben ihre Aussagekraft, sondern sie führen auch in die Irre. Betroffen wären vor allem deutschsprachige Besucher in den Mutterländern der englischen Sprache, wenn sie Pseudo-Anglizismen gebrauchen, die es im Englischen nicht oder nicht in der Bedeutung gibt, in der sie in den deutschsprachigen Ländern gebraucht werden.

Im „Konzept“ des Anglizismen-INDEX heißt es deshalb: “Zudem kann der INDEX deutsche Besucher englischsprachiger Länder vor der Peinlichkeit bewahren, Pseudoanglizismen zu verwenden, die im Original-Englisch nicht vorkommen oder eine völlig andere Bedeutung haben.“
Im Folgenden werden 10 krasse Fälle aufgezeichnet und besprochen.

airbag:
(Webster’s Unabridged Dictionary) - an inflatable plastic bag mounted under the dashboard or on the back of the front seat of a car: it cushions the driver and passengers by inflating automatically in the event of collision.

Der „airbag“ nimmt eine Sonderstellung ein, denn er ist sowohl in der englischen wie in der deutschen Version eine Fehlinformation der Öffentlichkeit. Denn nicht Luft schießt beim Aufprall des Fahrzeuges in den „bag” (= Sack) ein, sondern ein Explosionsgas, entstanden durch die Zündung eines Festbrennstoffes, und zwar ein giftiges − zumindest in der Frühphase seiner Anwendung.

Der „air bag“ ist  ein früher Bote der Anglomanie, falls man  seinen Erfindern nicht  bewusste Täuschung der Öffentlichkeit unterstellen will. Erste Versuche zur Entwicklung eines Sicherheitssystems für Kraftfahrzeuge wurden in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts in den USA durchgeführt, auch ein Patent auf das entwickelte Gerät wurde erteilt − aber das Gerät arbeitete mit Druckluft und erfüllte den Zweck nicht: die Luft strömte beim Aufprall nicht schnell genug in den Luftsack ein. Erst die danach von Daimler-Benz (DB) begonnene Entwicklung war erfolgreich, sie basiert auf Pyrotechnik; das beim Aufprall des Fahrzeuges durch die Zündung eines Festbrennstoffes entstehende Explosionsgas schießt in Millisekunden in das Kissen ein. 1971 wurde darauf DB das deutsche Patent 2152902 C2 erteilt: Der „funktionierende Airbag“ ist also eine deutsche Erfindung! Die ersten Fahrzeuge mit diesem Sicherheitssystem wurden auf der IAA 1980 von DB vorgestellt, zunächst noch unter der Bezeichnung „Luftsack“. Erstes mit einem „Airbag“ ausgerüstetes Auto war der Mercedes-Benz W126 (S-Klasse). Der „Luftsack“ war in „Airbag“ umbenannt worden. Müßig zu fragen, ob man schon damals in Stuttgart meinte, eine Fehlinformation ließe sich dadurch kaschieren, dass man sie auf Englisch gibt.

Der Anglizismen-INDEX benennt seit seiner ersten Ausgabe 2002 dieses nützliche Gerät funktionsgerecht „Prallkissen“. Eine allgemeine Verbreitung dieser Fakten würde die Einführung der Benennung „Prallkissen“ sicher fördern.

blockbuster:
(Webster’s Unabridged Dictonary). - an aerial bomb containing high explosives and weighing from four to eight tons, used as a largescale
demolition bomb.

Wenn Ihnen, verehrte Leser, der „Blockbuster“, der heute gedankenlos als Synonym für „Kassenschlager“ verwendet wird, schon einmal begegnet wäre, dann gehören Sie der Kriegsgeneration an und zu den Glücklichen, die diese Begegnung überlebt haben. Als Synonym für „Kassenschlager“ gebraucht, stellt er eine Taktlosigkeit gegenüber den Opfern des Luftkrieges im 2. Weltkrieg dar. Durch die tonnenschweren Luftminen, genannt „block-buster” (= Wohnblockknacker), sind im Zweiten Weltkrieg Tausende von Menschen umgekommen. Wenn ihn die Nachfahren englischer und amerikanischer Bomberpiloten verwenden, muss man das hinnehmen, von Deutschen jedoch nicht. Auch die, denen die Schrecken des Luftkrieges erspart geblieben sind, müssten sie kennen, aus den Büchern von Ralph Giordano und Jörg Friedrich (Der Brand) oder von Sendungen im Fernsehen. Schätzungen gehen von 600.000 Opfern aus. Maßgeblich beteiligt waren daran diese „Blockbuster“, die ganze Straßenzüge in Schutt und Asche gelegt haben, bevor nachfolgende Phosphorbomben die verheeren-den Feuerstürme entfachten.

body bag:
(Webster’s Unabridged Dictionary) - large bag made of heavy material and used to transport a dead body, as from a battlefield to a place of burial.

Der „body bag“ ist ein makaberes Beispiel in der Serie von Anglizismen rund um den „body“, die der Englischwahn gezeugt hat; denn „body“ ist im Englischen nicht nur der Körper (ohne Kopf und Extremitäten), sondern wird auch ohne das Adjektiv „dead“ als menschliche  Leiche verwendet. Das schert offenbar den Ladenbesitzer nicht, wenn er in seinem Schaufenster eine Umhängetasche als „body bag“ auszeichnet, der im Englischen ein Leichensack ist, in dem z.B. die im Irak und in Afghanistan umgekommenen GIs zum Heldenfriedhof in Arlington geflogen wurden. Textbeispiel aus Wikipedia: „Body Bags (zu deutsch: Leichensäcke) ist ein US-amerikanischer TV-Horrorfilm von John Carpenter und Tobe Hooper aus dem Jahr 1993

happy hour:
(Wikipedia) - Die Happy Hour (englisch für Glückliche Stunde) bzw. Blaue Stunde ist diejenige Stunde des Tages, ab der dem gesellschaftlichen (englischen) Comment gemäß nach Arbeitsende der Konsum von Alkohol angemessen ist und gestattet erscheint.

Die „glückliche Stunde“ entpuppt sich in diesem Land oft als „Nepp-Stunde“, wenn die Teilnehmer von Bus- und Schiffsfahrten zurückkommen, auf denen ihnen nicht nur billige Getränke verabreicht wurden, sondern bei denen ihnen eloquente Verkäufer alle Arten von Ramschware aufge-schwätzt hatten, an deren Kauf sie vor Antritt der Happy-Hour-Fahrt nie gedacht hätten.

Mac:
(Duden) - keltisch, »Sohn« (Bestandteil von schottischen [oder irischen] Namen [z.B. MacLeod]; Abk. M', Mc).

Die Vorsilbe „Mac“ oder abgekürzt „Mc“ bedeutet also in (ursprünglich) keltischen Familiennamen „Sohn des“, ebenso wie die Nachsilbe „son“ in germanischen. Trotzdem wird derzeit in der deutschen Geschäftswelt alles Mögliche „ver-mact“. Man fasst sich an den Kopf und fragt sich, was in die Protagonisten dieser Mac-Welle gefahren ist; ihre „Mac-Sucht“ ist eine der verrücktesten Auswüchse der Anglomanie in diesem Land. Spitzenreiter der Verrücktheit ist der „McClean“ fürs Bahnhofsklo − also der Sohn des „Sauber“, sprich des „Sauber-Machers“ (und der Klofrau). Selbst die Deutsche Post schämt sich nicht, diesen Blödsinn mitzumachen und ihre Papierwarenläden McPaper zu nennen − also „Sohn des Papiers“: Wo soll die Mac-Sucht“ enden? Bei „McGermany“?

oldtimer:
(Concise Oxford English Dict) - informal a very experienced or long-serving person. North American an old person -- -- vintage car - an old style or model of car.

Es empfiehlt sich also nicht, mit einem alten Bretzel-VW nach England zu fahren, vor allem wenn ma keine „old person“ ist, Denn der „Oldtimer“ ist ein typischer Pseudo-Anglizismus, erfunden schon bevor die große Anglizismen-Welle die deutschen Strände erreicht hat.

public viewing:
(Wikipedia) - Im amerikanischen Englisch bezeichnet p.v. die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen

Ein amerikanischer Tourist muss schockiert sein, wenn er hiezulande in den Medien und auf Plakatwänden mit „public viewing“ konfrontiert wird, das die Ausrichter der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland statt „Freilichtfernsehen“ unters Fußballvolk gebracht haben, weil auch sie meinten, Weltoffenheit demonstrieren zu müssen. Hätten sie sich die Mühe gemacht, in einem englischsprachigen Lexikon nachzuschauen, sie hätten gemerkt, dass es den Begriff im britischen Englisch gar nicht gibt und dieser im amerikanischen Englisch die öffentliche Aufbahrung prominenter Verstorbener bedeutet.

rail & fly:
(Langenscheidt) - to rail = schimpfen, lästern, fluchen.

Wenn man sich über die fortwährende Verspätungen im Zuverkehr ärgert, wäre dieser aus zwei Verben bestehende Aufforderung der Deutschen Bahn sicherlich ein angemessener Spruch; denn er heißt wörtlich übersetzt „schimpf und fliege“. Was die Deutsche Bahn jedoch meint, ist „rail & flight“, also „Schiene und Flug“. Man sollte meinen, Unternehmen wie die Deutsche Bahn sollten ein paar Anglisten auf ihrer Gehaltsliste haben, die sie vor solchen peinlichen Fehlleistungen bewahren. Auch fiel ihr in ihrem „Denglischwahn“ nicht mehr ein, dass es für ihr Angebot das treffliche „Zug zum Flug“ gäbe.

shooting star:
(Concise Oxford English Dict.) -  a small, rapidly moving meteor burning up on entering the earth's atmosphere
Langenscheidt - Sternschnuppe

„Shooting star“ ist und bleibt eine Sternschnuppe, die beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglüht auch wenn die Dudenredaktion sie bereits in den Fremdwort-Duden als „Person od. Sache, die schnell an die Spitze gelangt; Senkrechtstarter“ aufgenommen hat. Man fragt sich warum uns in unseren Medien diesen Pseudo-Anglizismus aufgeredet, wenn es doch den „Senkrechtstarter“ gibt, denn zu verglühen wünschen sich die so bezeichneten doch gewiss nicht

slip:
(Webster’s Unabridged Dictionary) - a woman's undergarment, sleeveless and usually having shoulder straps, extending from above the bust down to the hemline of the outer dress. (Oxford English dict.) a loose fitting garment, especially a short petticoat.

Da wäre der deutsche London-Tourist der Düpierte; er müsste sich als Transvestit vorkommen, wenn ihm bei einem Londonbesuch die Unterhosen ausgegangen wären und er im „Harrods“ einen „Slip“ kaufen wollte, wo ihm als slip ein Damenunterrock präsentiert wird.

slow motion:
(Concise Oxford English Dict.)- the action of showing film or video more slowly than it was made or recorded, so that the action appears much slower than in real life.

Auch dieser Anglizismus führt in die Irre, zumindest solche Leser und Hörer mit nur mäßigen Kenntnisse des Englischen. Sie wissen, dass „slow“ langsam und „motion“ Bewegung heißt und übersetzen „langsame Bewegung“ – doch nicht die Bewegung ist langsam, sondern nur ihre Abbildung. Wenn dennoch die „slow motion“ als Einsprengsel in deutschen Sätze gebraucht wird – wie in London bei Olympia – dann ist dies eine der gröbsten und dümmsten sprachlichen Entgleisungen überhaupt. Denn das deutsche Wort ZEITLUPE ist eine der schönsten und besten Wortschöpfungen der jüngeren Sprachgeschichte; ein Wort zum verlieben, klangschön und prägnant, es beschreibt dazu den Vorgang präzise; wie die (optische) Lupe einen Gegenstand  vergrößert darstellt, so bildet  die "Zeit-Lupe" den Ablauf einer Bewegung verlängert ab. Im Englischen gibt es ein solches Wort wie Lupe nicht - nur das umständliche "magnifying glass" – Die „Zeitlupe“ wäre also umgekehrt eine wertvolle Bereicherung der englischen Sprache.


Diese Beispiele sind freilich die ärgerlichsten aus der Sammlung der im aktuellen VDS-Anglizismen-INDEX 2012 verzeichneten rund 7.400 Anglizismen der Allgemeinsprache. Sie stiften Verwirrung bei denen, die Englisch lernen wollen oder die auf Reisen englisch sprechen müssen, weil sie entweder falsches Englisch sind oder weil ihre Verwendung in diesen Ländern als instinktlos gelten müssen.

Doch auch der Gebrauch der Mehrzahl der im Anglizismen-INDEX verzeichneten Anglizismen ist ein Ärgernis, weil sie existierende gute deutsche Wörter oder ganze Wortfelder verdrängen. Oder gibt es einen vernünftigen Grund, warum ein Laden ein shop, ein Ereignis ein event, ein Glanzlicht ein highlight oder eine Fahrkarte, eine Entrittskarte, ein Flugschein, ein Strafmandat jetzt ein Allerwelts-Ticket sein soll?

Dieser Beitrag ist eine Überarbeitung  des Aufsatzes „Blockbuster und andere Zumutungen“ im Anglizismen-INDEX (2008), IFB Verlag für deutsche Sprache (ISBN 978-3-931263-80-5, www.anglizismenindex.de).