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Reden und Widerreden - Argumente zur deutschen Sprache

IL. "Es gibt überhaupt keine überflüssigen Wörter, also auch keine überflüssigen Anglizismen im Deutschen."

Widerrede:
Anglizismen erscheinen ihren Nutzern sicher nicht überflüssig, doch machen sie deutsche Wörter und Sprachbilder allmählich „überflüssig“. Die Folge ist, dass unsere an Bildern so reiche Sprache verarmt und der Sprachfluss austrocknet.
Die Anreicherung der deutschen Sprache durch Anglizismen wird diesen Verlust an bildhaftem Ausdruckspotential niemals aufwiegen können. Der Sinn einer Aussage erschließt sich nicht nur aus ihren wörtlichen Bestandteilen. Er ergibt sich auch aus den Bildern, den inhaltlichen und klanglichen Assoziationen usw., die diese Wörter im Hörer oder Leser auslösen wenn sie ihm in Form fester Wortverbindungen (mehrwortige sprachliche Bausteine wie Redensarten, Sprichwörter, feststehende Bilder, Anspielungsketten, Reimereien oder phonetische Spielereien usw.) gegenübertreten.

„Den Nagel auf den Kopf treffen“, „Jemandem nicht das Wasser reichen können“; „Etwas in trockene Tücher bringen“: Wenn einzelne Bestandteile solcher Ausdrücke oder Wortbilder durch Anglizismen ersetzt werden, drohen nicht nur die ersetzten Wörter verloren zu gehen, sondern auch die Bilder samt Aussage, in die sie im Verlauf der Kultur- und Sprachgeschichte eines Volkes eingewoben wurden. Dasselbe gilt für scheinbar harmlose, aber situativ hochwertige Wortspielereien (verbesser/verwässern; fruchtbar/furchtbar; aufbahren/aufbewahren usw.)

Sicher soll oder kann man niemandem vorschreiben, welche Wörter er oder sie im persönlichen für überflüssig zu halten habe. Wenn jemand in einer bestimmten Situation einen englischen Ausdruck für inhaltlich treffender als einen deutschen hält, so ist der aus seiner Sicht natürlich nicht „überflüssig“. Ein solcher Ausdruck wird aber kaum ein eigensprachliches Wort oder Sprachbild verdrängen, solange die meisten Menschen über ihre Sprache weiterhin frei entscheiden können.
Die öffentlichen Sprachmodisten in den Medien, in der Politik, in der Wissenschaft und der Wirtschaft beschneiden aber die private sprachliche der Menschen. Sie verkünden und bezeichnen ein englisches Wort im Deutschen bereits dann für treffend, wenn sie mit ihm ein deutsches Wort „treffen“, d.h. abschießen können und nicht etwa, weil es inhaltlich treffender wäre als jenes.
Deshalb sind solche Mode-Anglizismen nicht nur einfach, sondern sogar doppelt überflüssig.

siehe auch XI., XL., LI.