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Reden und Widerreden - Argumente zur deutschen Sprache

XXXVII. "Die Fremdwortwellen der vergangenen Jahrhunderte sind ganz von selbst wieder abgeebbt."

Widerrede:
Alle Fremdwortwellen im deutschen Sprachraum seit dem 17. Jahrhundert riefen den Widerspruch namhafter und weniger namhafter Größen des deutschsprachigen Geisteslebens und des Staates hervor. Die Frage, wie sich der Wortschatz unserer Sprache ohne deren gestalterische Vorschläge und Eingriffe entwickelt hätte, ist nur spekulativ zu beantworten.

Die heutige Anglizismenschwemme erfasst allerdings wesentlich mehr und breitere Bevölkerungsschichten als frühere Fremdwortwellen. Im Namen des Zeitgeistes und mit Unterstützung sämtlicher Kommunikationsmedien spült sie sich in immer mehr Haushalte, Machtzentren und Denkfabriken. Sie verdrängt Regionalsprachen und Dialekte, ehemals sichere Münze für kulturellen Austausch und sprudelnde Quellen sprachlicher Innovation, in randständige Kulturnischen. Dort werden sie bald nur noch als Feierabendsprachen zum Austausch über Kochrezepte oder das Sammeln von Briefmarken zu gebrauchen sein.
Die Behauptung, vergangene Fremdwortwellen seien ganz von selbst wieder abgeebbt und deshalb treffe dies auch auf die heutige Anglizismenschwemme zu, ist eine Retourkutsche ohne Beweiswert. Sie dient allein dem Zweck, unseren Widerspruch gegen die Anglizismenschwemme seinerseits als liebevollen, aber eigentlich überflüssigen Zeitvertreib auf derselben Stufe wie etwa des Sammelns von Briefmarken oder von Kochrezepten abzutun.

siehe auch XIX.