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Reden und Widerreden - Argumente zur deutschen Sprache
XXXII. "Wörter wie ‚Gesichtserker' zeigen, dass künstliche Eindeutschungen lächerlich sind und sich nicht halten."
Widerrede:
Das Wort „Gesichtserker“ war zum Zeitpunkt seiner Erfindung (Mitte des 17. Jahrhunderts) genau so künstlich wie Hunderte anderer, seither künstlich geschaffener Wörter, die heute in aller Munde sind.
Die Bedingungen, unter denen das eine Kunstwort rasch verbreitetet wird, ein anderes dagegen lächerlich bleibt oder bestenfalls literarischen Wert gewinnt, sind und von der Sprachwissenschaft kaum erforscht. Sicher ist, dass hierüber nicht nur Kriterien der sprachlichen Qualität entscheiden. Viele dieser Qualitäten bekommt ein solches Wort ohnehin erst im Verlauf seiner erfolgreichen Nutzung.
Warum ist das Wort „Dörrleiche“ für „Mumie“ bestenfalls von literarischem Wert, das Wort „Dörrobst“ dagegen selbstverständlicher Teil unseres Wortschatzes? Unter welchen Voraussetzungen konnte sich das Kunstwort „Bahnsteig“ so erfolgreich durchsetzen, wogegen der „Flugsteig“ schon fast vollständig dem englischen gate weichen musste? Was ist die Ursache für die Erfolgsgeschichte des Wortes „Atomwaffensperrvertrag“1? Was veranlasst einen Journalisten, das Kunstwort „Hubschrauber“ dem längeren Fremdwort Helikopter zu opfern? Warum wirkte „Knallgaszertreibling“ als Ersatz für Verbrennungsmotor von Beginn an weder witzig noch funktional, während das jedem Kraftfahrzeug-Techniker sich selbsterklärende Fachwort „Speichereinspritzung“ jetzt im Deutschen durch das lächerlich verwaschene common rail verdrängt wird?
Fast immer auch wird die Lächerlichkeit von „Gesichtserker“, „Dörrleiche“ oder „Knallgaszertreibling“ genüsslich in Texten hochgehalten, die mit längst akzeptierten Kunstwörtern vergleichbarer Entstehung gespickt sind2.
Lächerlich ist aber nicht der Wunsch nach der eigensprachlichen Präzisierung unverständlicher Fremdwörter, sondern die sprachgeschichtlich ignorante Behauptung unserer Kritiker, solche bewusst gestalterischen Eingriffe in unseren Wortschatz seien von vornherein immer schon lächerlich.
Warum demgegenüber seine bewusste Umgestaltung durch Anglizismen nicht lächerlich sein soll, können oder wollen uns diese Ignoranten nicht verraten.
siehe auch IX., XXIX., XLI., XLVIII.
1 non proliferation treaty (Englisch)
2 Wenige Beispiele: Jahrhundert, Zeitschrift (um 1750), Vielfalt (1793), befähigen (1807), abrüsten (1866).
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