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Reden und Widerreden - Argumente zur deutschen Sprache

XXX. "Importierte Sachen und Ideen müssen ihre fremden Namen behalten."

Widerrede:
Wenn wir mit jeder Sache oder jedem gedanklichen Konzept immer auch deren fremdsprachliche Bezeichnung importieren müssten, entstünde in unserem Land vor allem Sprachwirrwarr. Genau den richten heute die vielen Anglizismen an.
Zum Beispiel der Ausdruck Gender mainstreaming: Dieser Ausdruck bedeutet auf Deutsch „Geschlechtsrollen-Ausgleich“. Die dazugehörige Politik möchte Männer und Frauen gleichermaßen zum sozialen Rollenausgleich motivieren. Doch selbst führende Gleichstellungspolitiker in Deutschland übersetzen Gender mainstreaming gerne als „Frauengleichstellung“.
Ähnlichen Sprachwirrwarr produzieren Ausdrücke wie facility manager, customer care center, empowerment u.v.a.m..

So ist das sprachliche Durcheinander perfekt: keiner weiß, wovon die Rede sein soll, alle glauben, es zu wissen und niemand wagt nachzufragen, denn für ahnungslos möchte er oder sie nicht gehalten werden.
Ausgerechnet die angloamerikanische Sprachwelt zeigt, dass die Einbürgerung fremder Dinge und Ideen desto erfolgreicher verläuft, je freier wir (über) ihre Bezeichnungen nachdenken. Das Englische müsste sonst z. B. mit Hunderten deutscher Wörter aus den Denkgebäuden des Marxismus, der Psychoanalyse, der Atomphysik oder der Relativitätstheorie gespickt sein.
Ist es aber nicht! Selbst die Originalbenennung von Schlüsselbegriffen wie „Mehrwert“, „Überbau“ und „Raumkrümmung“ sucht man im Englischen vergebens. Die anglophone Welt hat deren Namen ohne Scheu neu erdacht oder bezeichnet.

Eine Sprachgemeinschaft, die auf die eigensprachliche Aneignung anderssprachig benannter Dinge und Ideen verzichtet, verzichtet auch auf ihren eigenen Blick und Zugriff auf die Wirklichkeit. Sie begibt sich in gedankliche Abhängigkeit von denen, die die Sprach- und Benennungsmacht besitzen. Nationale Sonderwege als gefährlicher Versuch, sich davon wieder zu befreien, werden dann unvermeidlich.
Demgegenüber wirkt die angloamerikanische Sprachwelt vital und weltoffen. Fremde Namen und Ideen werden entweder übersetzt, „nachgedacht“ oder sprachlich eingepasst - ganz ohne Besserwisserei, pedantische Wortkrämerei oder Selbstverleugnung. Warum nehmen wir uns eigentlich daran kein Beispiel?

siehe auch XVI., IXL., XXVII., XXXIII.