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Reden und Widerreden - Argumente zur deutschen Sprache

XXII. "Die vielen Anglizismen in der Alltagssprache sind längst nicht so schlimm wie der zunehmende Gebrauch von Englisch in Wissenschaft und Wirtschaft."

Widerrede:
Viele Sprachwissenschaftler beklagen zu Recht, das Deutsche verschwinde rasant aus Wissenschaft und Wirtschaft. Sie sagen: Eine Sprache, die „sich nicht weiterbildet, verarmt“. Sie verschweigen aber, dass nur die Sprecher sie (und sich) weiterbilden können, also wir alle.
Die Sprecher – das sind wir alle. Unser öffentliches, upgebraintes Deutsch strotzt vor Mode-Anglizismen. Deshalb setzen die Zukunftsgestalter und -verwalter unserer Gesellschaft, insbesondere aus Wissenschaft und Wirtschaft, lieber gleich auf richtiges Englisch.

Die wechselseitige Abstoßung zwischen der Alltags- und den Fachsprachen droht unserer Alltagssprache jetzt die Wissenschafts-, ja Zukunftstauglichkeit zu nehmen, obwohl sie der ganzen Gesellschaft gehört. Die Wissenschaftler dürfen nicht den Kontakt zu ihr verlieren. Fachsprachen ohne Verankerung in einer gesprochenen Muttersprache und Muttersprachen ohne Zugang zu einer Fachsprache sind als Instrument schöpferischen, bildhaften und erklärenden Denkens nicht brauchbar.
Es geht demnach nicht nur um das Wissenschaftsdeutsch, sondern um die Zukunft unseres Landes. Deshalb ist der Dämmerschlaf so vieler Sprachwissenschaftler angesichts der anglomanen Überformung unseres Alltagsdeutscheher erschreckend. Sie sind wie Gentechniker, die sich nicht um den Naturschutz kümmern. Ihr Schlafmittel ist die wahrhaft beruhigende Erkenntnis, wir sprächen doch schon immer eine Mischsprache. Tatsächlich droht unserer Muttersprache ein Schicksal als Feierabend-Mischmaschsprache. Sie hätte dann zu keiner Fachsprache mehr Zugang.

siehe auch VI., XVII., XX., XXI.