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Reden und Widerreden - Argumente zur deutschen Sprache

XVII. "Die Werbung und ihre Anglizismen verändern kaum unsere Sprache - normale Menschen sprechen nicht so."

Widerrede:

Werbung weckt Wünsche weniger durch sprachliche Information als durch Manipulation des Unterbewusstseins durch Wunschbilder. Die Vorspiegelung von Information durch Manipulation gelingt mit Hilfe vorgefertigter Sprachsignale, die die gewünschten Bilder in uns freigeben.

Auch das Werber-Denglisch besteht aus solchen Sprachsignalen. Sie erzeugen oberflächliche Wunschbilder von Modernität, „multi-kulti“ und Omnipotenz1 in (und von) uns. Zum sprachlichen Informationsaustausch sind diese Wörter und Ausdrücke nicht gedacht. Deshalb meldet unser Muttersprachgefühl Widerspruch gegen sie an.

Diesen Widerspruch wollen uns die werbenden Signalgeber und werbewissenschaftlichen Helfer ausreden. Sie verheddern sich dabei in widersprüchlichen Aussagen: Zuerst versichern sie uns, ihr Denglisch sei nur kurzlebig, also sprachlich folgenlos. Wenn wir dem widersprechen, behaupten sie das schiere Gegenteil, nämlich dass nur durch ihr falsches Englisch im Deutschen unsere Muttersprache zukunftstüchtig werde.

Natürlich kennen auch wir die englische Bedeutung von Stummel- und Stammelwörtern der Sorte fun, light, power, kids, event, shop, wellness und Tausenden mehr. Doch darauf kommt es im Werber-Denglisch nicht an. Es soll nicht unseren englischen Wortschatz bereichern, sondern unsere Wünsche und Lebensentwürfe auf (oder in) Warenform bringen. Zum Beispiel erhält ein Schaufensterbummel namens shopping erst durch den Kaufakt seine genießerische Dimension. Die Dimensionen „Beschaulichkeit“, „Träumen“ und „wunschlos glücklich“ haben in shopping keinen Platz.

Ähnliches gilt für den Ersatz von „Glück“ oder „Spaß“ durch fun, von „Wohlgefühl“ durch wellness, und von „Ereignis“, „Spektakel“, „Veranstaltung“ oder „Abenteuer“ durch event.

Jeder Tag, an dem wir solchen Sprachmanipulationen verfallen, bringt uns dem Verfall unserer Muttersprache und der Cocacolisierung unseres Blicks auf die Wirklichkeit näher.

1 Omnipotenz = Großmannssucht

siehe auch XII., XIV., XXII.