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Reden und Widerreden - Argumente zur deutschen Sprache

XI. "Englische Wörter sind nützlich, wo deutsche fehlen."

Widerrede:

Das wird gern behauptet, stimmt aber nur auf den ersten Blick. Die Frage ist, ob deutsche Wörter wirklich fehlen und wo. „Besatzung“ und „Nachrichten“ sind vorhanden und brauchen nicht durch crew oder news ersetzt zu werden. „Meisterliga“, „e-Post“ oder „Geländerad“ hätten anstelle von Champions League, e-mail oder mountain bike gewählt werden können, als diese Dinge aufkamen.

Nun gibt es Wörter wie shop, bike, kickboard, event, die - angeblich - sogenannte „Bezeichnungslücken“ füllen, d. h. etwas ausdrücken, wofür die deutsche Sprache kein Wort hat. Gelernte Sprachwissenschaftler versuchen mühsam darzulegen, dass shop nicht dasselbe ist wie „Laden“, und bike nicht einfach „Fahrrad“ bedeutet. Die Salzburger Festspiele wären dann eine „großartige Veranstaltung“, der Europäische Schlagerwettbewerb aber ein event mit highlights.

Räumen wir ein, dass es schwierig wäre, talk show, T-shirt, quiz, freak, baby, party oder training durch deutsche Wörter zu ersetzen. Aber im Grunde sind auch diese englischen Ausdrücke überflüssig. An ihrer Stelle hätten – bei mehr Treue zur eigenen Sprache! - von Anfang an deutsche Wörter gebraucht werden können. Sie waren vorhanden, und die neuen Bedeutungen – wenn es sie tatsächlich gibt - wären in sie eingegangen. Statt interview hätten wir „Gespräch“ oder „Befragung“, „Ratespiel“ für quiz oder „Gesprächsrunde“ für talk show. Ein „Motorradfreak“ wäre ein „Motorradnarr“. Diese deutschen Ausdrücke empfinden wir als fremd, weil die englischen uns vertraut geworden sind.

Die englischen Wörter stehen jeweils für nicht genutzte Möglichkeiten der deutschen Sprache. Für einen anderen Umgang mit der eigenen Sprache geben die Engländer und überhaupt alle Angelsachsen uns ein Beispiel. Sie kommen mit ihrem Englisch aus, um die Dinge dieser Welt zu benennen. Um sich zu verständigen, benutzen sie jahrhundertealte, ehrwürdige und bewährte Wörter wie shirt, news, girl, kid, lover, chat, talk, fun, show, snack, pool, top, service, event usw. T-shirt hört sich für einen Engländer nicht anders an als „T-Hemd“ für uns. Der chat übers Internet zwischen einem Schotten und einem Neuseeländer mag etwas anderes sein als der Schwatz in einer englischen Kneipe im 18. Jahrhundert. Trotzdem wird das alte Wort für geeignet befunden, um eine neue Sache von heute zu bezeichnen.

Hinter solcher sprachlichen Selbstgenügsamkeit und Selbstversorgung steht viel Liebe zur Muttersprache.

siehe auch IL., XII., XVI., XX