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Reden und Widerreden - Argumente zur deutschen Sprache

VII. "Die Europäische Union würde mit reibungsloser innerer Kommunikation auf Englisch rasch zur wirtschaftlichen Großmacht."

Widerrede:
Dieses Vorurteil beruht auf dem Irrtum, Sprache diene nur der Kommunikation. Jede Sprache dient jedoch auch der Sicherung von Identität und dem Gewinn von Erkenntnis durch sprachlich-kulturelle Unterscheidung und den daraus erwachsenden vielfältigen Austausch. Das gilt für Staaten genauso wie für Individuen.

Europa bezieht seinen sprachlich-kulturellen Reichtum und damit sein schöpferisches Potential aus einer polyzentrischen Identität. Nicht erneute Aus- und Abgrenzungen, sondern sprachlich-kulturelle Einebnung durch alles Angloamerikanische drohen heute dieses einzigartige Kapital zu entwerten. Stillschweigend erhält die amerikanische Wirtschafts- und Weltmacht schon heute überall Zugang und Benennungshoheit (und die Minderheit der englischen Muttersprachler in Europa völlig unverdiente Heimvorteile).
Dies zeigt sich bereits bei der Besetzung leitender Stellen in halbstaatlichen europäischen Organisationen und Unternehmen. Bewerber aus nicht-anglophonen Ländern werden längst ausgegrenzt - selbst wenn sie (auch) gut bis sehr gut Englisch sprechen. Die Vereinigten Staaten von Amerika verkörperten im 19. Jahrhundert die Freiheitsutopie des “alten Europa”. Viele unserer Mitbürger halten sich heute nicht nur für die besten Europäer, sondern sind als Deutsche auch besonders anfällig für universalistische Utopien und idealisierende Selbsttäuschungen. Heute suchen sie die längst gescheiterte US-amerikanische Utopie durch erneute Idealisierung für sich zu retten. Deshalb lassen sie sich vom Angloamerikanischen als Sprache der Freiheit und der Zukunft betören.
Zu mehr als einem Umschlagplatz der ökonomischen und militärischen Interessengruppen, die sich anschicken, mit Hilfe dieser Sprache die Welt zu beherrschen, werden wir es unter ihrem Einfluss kaum bringen.

siehe auch X, XLV