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Reden und Widerreden - Argumente zur deutschen Sprache

V. "Wissenschaftliche Kommunikation in und zwischen allen Forschungsbereichen ist heute nur noch auf Englisch möglich. Unsere Wissenschaftler sollten sich dieser Tatsache so rasch und vollständig wie möglich anpassen."

Widerrede:
Wissenschaftler, die kein Fachidioten sind, denken über das eigene Fachgebiet hinaus. Doch das Wissenschaftlerenglisch reicht bestenfalls, und selbst dies nicht immer, für das eigene Fach. Wer weiß, wie weit die eigene Spezialisierung gehen und wie eng sie sein kann, weiß auch, wie schwer es ist, interdisziplinäre1 Grenzen sprachlich zu überwinden.

Nichtanglophone Wissenschaftler verbringen während ihrer besten Jahre Tausende von Stunden damit, sich ein geschmeidiges Englisch beizubringen. Während dieser Zeit machen ihre anglophonen Kollegen bereits Kasse oder ihre ersten Entdeckungen. Dabei überzeugen selbst naturwissenschaftliche Arbeiten wesentlich besser, wenn sie nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch stilistische Könnerschaft ausstrahlen.

Wissenschaft entsteht im Gespräch (Werner Heisenberg). Anglophone Wissenschaftler sind also ohne jedes eigene Zutun gegenüber der internationalen Konkurrenz im Besitz zweier entscheidender Startvorteile. Ein nichtanglophoner Biochemiker, der sich mit einem Hygieniker, Botaniker, einem Physiker, einem Historiker oder gar einem Philosophen in seinem Wissenschaftlerenglisch austauschen will, stößt rasch an seine sprachlichen Grenzen. Jeder vertiefte, gedanklich gleichrangige Austausch zwischen Wissenschaftlern unterschiedlicher Muttersprachen ist auf qualifizierte Übersetzung angewiesen.

Nur klare Aussagen sind übersetzbar. Eine wertvolle Nebenwirkung inhaltlich sorgfältiger Übersetzungen ist, dass man den Ausgangstext dabei mit anderen Augen lesen lernt. Die fremde Sprache gewinnt ihm plötzlich Stärken ab oder macht Unklarheiten deutlich, die mit der eigenen Sprachbrille nicht zu sehen waren.

Die Beherrschung nur einer Fremdsprache entspricht nicht dem Anspruch auf Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Elite. International und interdisziplinär denkende und kommunizierende Wissenschaftler aller Fachrichtungen und in allen Ländern sollten deshalb nicht nur ihre Muttersprache plus ihr fachsprachliches Englisch beherrschen, sondern zumindest passiv auch zwei oder drei weitere ausgebaute Wissenschaftssprachen2. siehe auch XXIX.

siehe auch XXIX.

1 Zwischenfachlich, von Fach zu Fach
2 Weitere (neben Englisch): Deutsch, Französisch, Russisch, Italienisch, Spanisch, Japanisch