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Reden und Widerreden - Argumente zur deutschen Sprache

II. "Viel wichtiger, als den Deutschunterricht zu intensivieren, wäre es, die Sprachkompetenz der Schüler im Englischen zu stärken."

Widerrede:
Fremdsprachliche Fähigkeiten, die so passgenau und doch geschmeidig sind wie ein Handschuh (Stefan Zweig), lassen sich nur bis zum Alter von 2–3 Jahren intuitiv erwerben. Ihr Erwerb jenseits dieses Alters setzt ein gutes Lese- und Textverständnis in der eigenen Sprache und verstehendes, bewusstes Lernen voraus. Die fremde Sprache muss anhand rational einsichtiger Regeln und Gesetzmäßigkeiten erschließbar sein. Deren Einsichtigkeit ergibt sich am besten aus ihrem Begreifen in der eigenen Muttersprache.
Die PISA-Studie 2001/2 belegte zusätzlich die zentrale Bedeutung des muttersprachlichen Unterrichts für das Lese- und Textverständnis. Vermutlich schnitten die deutschen Schüler deshalb so schlecht ab, weil der Anteil des muttersprachlichen Unterrichts in Deutschlands Schulen nur 16% (statt europaweit 20%) beträgt.
Ein Kind; dem jenseits des intuitiv lernfähigen Alters eine Fremdsprache angeboten wird, sollte seine Muttersprache(n) schon weitgehend lesen und sprechen können und auch schon ahnen, dass und warum sie regelhaft funktioniert. Dies wird ihm die Scheu davor nehmen, die Schwelle in die fremde Sprachwelt zu überschreiten.

Englisch bietet im Vergleich zu anderen Sprachen zudem das didaktische Problem, dass es über grammatische Regeln kaum zu erschließen ist. Als erste Fremdsprache eignen sich jenseits des intuitiv lernfähigen Alters deshalb eher Sprachen wie Französisch oder Polnisch. Vielleicht wäre eine Plansprache wie Esperanto in diesem Alter das didaktisch beste Angebot. Allerdings gibt es einen viel wirkungsvolleren, doch weitgehend ungenutzten Ansatz, um möglichst viele Kinder zwei- und mehrfach muttersprachlich kompetent zu machen. Zielgruppe sind die vielen gemischtsprachigen Elternpaare. Sie müssten zur Beachtung der wenigen sprachlichen Verhaltensregeln1, die geeignet sind, um ihr(e) Kind(er) ab Geburt gleichzeitig in mehreren Muttersprachen heimisch zu machen, gezielt ermuntert und entsprechend informiert werden.
Alle Erfahrung zeigt, dass ab Geburt zweisprachig erzogene Kinder zwar mitunter etwas später als altersüblich zu sprechen beginnen, den geringen Rückstand aber rasch mehr als ausgleichen und - vor allem – nicht in einen hilflos-ausdruckslosen Sprachmischmasch abgleiten.

siehe auch IV., XXIV.

1 Nach dem Grundprinzip „Eine Person – Eine Sprache“