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Reden und Widerreden - Argumente zur deutschen Sprache

I. "Eine einheitliche Weltsprache ist der Schlüssel zu Völkerverständigung und Weltfrieden. Diese Utopie des Turmbaus zu Babel wird heute endlich verwirklicht."

Widerrede:

Dieser Behauptung widerspricht bereits die Tatsache, dass sich schon immer auch Menschen gleicher Muttersprache gegenseitig bekriegt und unterdrückt haben.

Die Babelsche Utopie von der einheitlichen Weltsprache ist weniger ein Ausdruck der Sehnsucht des Menschen nach einem friedlichen, chancengleichen und sozial gerechten Zusammenleben, als vielmehr nach einer technisch sicheren Weltordnung. Die Strafe Gottes für die Anmaßung, ja Hybris1 des Menschen, die göttliche Schöpfung oder Natur nicht nur zu hegen und (für) sich zu kultivieren, sondern sie technisch zu vergewaltigen, war seine Zerstreuung in alle Winde und sprachliche Verwirrung. Ist die heutige Verklärung, ja Beschwörung einer einheitlichen Weltsprache erneuter Ausdruck menschlicher Hybris? Steht sie für den Versuch, durch Babels Wiederaufbau Gottes Strafe endlich abzuschütteln - diesmal jedoch nicht mit Hilfe unmittelbar nachsintflutlicher, sondern modernster technischer Mittel?

Nicht nur vor der technischen Hybris selbst, sondern auch vor der menschlichen Einsprachigkeit als einer ihrer wichtigsten Bedingungen ist zu warnen. Dinge und Begriffe haben einen Namen, weil sie deren mehrere haben (Peter Porsch). So gesehen war Gottes sagenhafte Strafe ein kultureller Segen. Er hat den Menschen in die künstlerische Vielfalt statt in eine technisch-namenlose Einfalt entlassen. Damit war der Weg frei zur vielfältigen Kultivierung der göttlich-natürlichen Schöpfung und ihrer vielfach-widersprüchlichen Deutung durch Kunst, Wissenschaft und Philosophie. Die Möglichkeit zum Weltfrieden durch vielsprachige Völkerverständigung hat uns Gottes kluge Strafe aber nicht genommen. Wer das Gegenteil behauptet, will aus anderen Gründen keinen Frieden.

1 Vermessenheit, Selbstüberschätzung

siehe auch: XXV., IV., XIV., XLV.