AG Tag der deutschen Sprache

Gruppenleiter

holger klatte

Dr. Holger Klatte
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Gedanken zum sechsten Tag der deutschen Sprache 2006

Samstag, den 30. September 2006 um 14:07 Uhr

Je weiter Schreibung und Lautung einer Sprache auseinanderklaffen, um so schwieriger ist die Schriftsprache zu erlernen. Das ist bei den Schülern in England deutlich zu erkennen, die für das Erlernen der Rechtschreibung länger brauchen als Schüler aus Ländern, die über eine regelmäßigere Rechtschreibung verfügen. Diese Gefahr besteht allerdings inzwischen auch für die deutsche Sprache, wenn wir Wörter, besonders aus der englischen Sprache, unverändert in unseren Wortschatz übernehmen. Aus diesem Grunde ist es wichtig, daß wir deutsche Entsprechungen für Anglizismen finden und alte treffende Wörter wiederbeleben. Für Motto, Devise und Slogan haben wir zum Beispiel das Wort Losung, für Dressing und Sauce das wohlklingende Wort Tunke, für Drink stehen uns die Wörter Trank, Trunk, Getränk zur Verfügung. Das sind nur einige Beispiele von vielen.

Die Aktion "Lebendiges Deutsch" der Stiftung Deutsche Sprache beschreitet mit ihrem Versuch, deutsche Wörter und Wortneuschöpfungen zu finden, den richtigen Weg. Die Durchsetzung dieser Wörter ist der Schlüssel einer erfolgreichen sprachlichen Instandsetzung.

Es gibt aber Fremdwörter aus dem englischsprachigen Bereich, die sich im Sprachgebrauch bereits eingebürgert haben und nützlich sind. In solchen Fällen sollten wir die Wörter eindeutschen. Befürworter und Gegner von Eindeutschungen stehen sich bei diesen Überlegungen bisher allerdings unversöhnlich gegenüber. Wörter wie Pauer, Beik, Njuhs, Söwis Peunt, Kru usw., für die es bereits deutsche Wörter gibt, sind selbstverständlich nicht gemeint. Vielmehr geht es um eine kleine Auswahl von englischen oder scheinenglischen Wörtern, die für die Eindeutschung geeignet sind, z. B. Händi (Handy) und Skänner (scanner). Wir müssen verhindern, daß Wörter wie Portemonnaie erst nach Jahrzehnten zu einem orthographisch deutschen Portmonee werden. Bei dem Wort Baby ist das bis heute nicht gelungen, wohl aber beispielsweise den Franzosen (bébé) oder den Spaniern (bebé).

Andererseits müssen Fremdwörter nicht eingedeutscht werden, die bereits fester Bestandteil unseres Wortschatzes geworden sind und eine passende Rechtschreibung für unsere Sprache besitzen. Dazu gehört zum Beispiel das Wort "Internet". Semantisch handelt sich dabei um eine Einrichtung, die eine weltweite Kommunikation ermöglicht. Niemand denkt dabei an ein Netz, ebenso wenig wie der Ausdruck "Lichtschalter" an das Stromnetz erinnert, so daß wir auf sprachliche Verrenkungen (Internetz) verzichten können und müssen, wollen wir uns nicht lächerlich machen.

Ein anderes Problem besteht bei den Eigennamen, die aus dem nichtenglischen Bereich ohne lateinisches Alphabet stammen. Die verbindlichen Transkriptionen und Transliterationen werden dabei häufig außer acht gelassen. Als Beispiel ist die Schreibung "sh" statt "sch" wie in Geisha, Shaba, Hiroshima, Kinshasa, Shanghai zu nennen. Auch für den Ersatz des "dsch" durch "dj" "s" durch "z", "ch" durch "kh", "tsch" durch "ch", "w" durch "v", "j" durch "y" usw. gibt es zahlreiche Fundstellen. Wenn wir - anders als die z. B. die Spanier - von der phonetischen Schreibung abrücken, ist unsere Schriftsprache schwerer zu erlernen.

Welche Einflüsse wir auf die deutsche Sprache zulassen und zugelassen haben, zeigen auch einige geographische Bezeichnungen: Liberia, Nigeria, Malaysia, Sambia, Tansania usw. Die deutschen Endungsbildungen wie in Algerien, Tunesien, Mauretanien sind verloren gegangen, die englische Schreibweise ist unverändert übernommen worden.

Es ist seit einigen Jahren in Deutschland, besonders in Rundfunk und Fernsehen üblich geworden, Abkürzungen englischer Bezeichnungen unnötigerweise englisch auszusprechen (ISAF als Aisaf, iPod als Aipott, CIA als Sziaiäi, ISS als Aiessess). Die Aussprache der Abkürzung USA stammt noch aus einer Zeit als der törichte Englischwahn noch nicht das heutige Ausmaß erreicht hatte. Abkürzungen aus anderen Sprachen werden hingegen deutsch buchstabiert.

Wir müssen unsere Landsleute immer wieder daran erinnern, daß wir in Deutschland deutsch sprechen und kein vorgetäuschtes internationales Idiom.

Bericht über die Veranstaltungen am und mit Bezug auf den Tag der deutschen Sprache 2006

Die unpassende, von uns nicht angegebene Überschrift der dpa-Meldung "Sprachpanscher des Jahres ist Öttinger", war vermutlich der Grund, daß nur wenige Online-Zeitungen den Text veröffentlichthaben. Öttinger als Sprachpanscher war weder Thema des Tages der deutschen Sprache noch hatte er am 9. 9. irgendeinen Neuigkeitswert. Erfreulich war dagegen die Pressearbeit unserer Vereinsfreunde in den Regionen, die unser Anliegen am Tag der deutschen Sprache facettenreich schilderten und sich Interviews der Journalisten stellten.

Das sonnige Wetter mit angenehmen Temperaturen kam den vielen Außenveranstaltungen unserer Vereinsfreunde mit Informationen, Auszeichnungen, Spielen und Rätseln entgegen. Aber auch die Vortrags- und Kulturprogramme waren gut besucht. Die angespannte Stimmung vor den Veranstaltungen mit der bangen Frage "Werden wir einen vollen Saal haben?" hatte deshalb schnell einem erleichterten Lächeln Platz gemacht.

Auch im Ausland gab es bunte Programmangebote, bei denen das Werben für die deutsche Sprache bei den Studenten Teil der Veranstaltungen war. Unsere Vereinsfreunde in Kamerun boten zwei Veranstaltungen an: in Menoua/Dschang und in Yaoundé. Es wurden Gesprächsthemen wie "Wo spricht man Deutsch in der Welt", "Rolle der deutschen Sprache in der Globalisierung", "Studien in deutschsprachigen Staaten" und "Die großen Denker und Figuren in der deutschen Geschichte" behandelt; es gab ein Fußballspiel, Ausstellungen, Referate, Interviews in Rundfunk und Fernsehen, eine Filmvorführung, ein Theaterspiel, einen Tanzabend usw.

Am und mit Bezug auf den Tag der deutschen Sprache gab es 41 Veranstaltungen bzw. Aktionen im In- und Ausland in 10 Bundesländern [Baden-Württemberg (7 Veranstaltungen), Bayern (4), Brandenburg (2), Hamburg (1), Hessen (6), Mecklenburg-Vorpommern (1), Niedersachsen (3), Nordrhein-Westfalen (5), Sachsen (2), Sachsen-Anhalt (1), Schleswig-Holstein (2)] und neun Auslandsregionen [Belgien, Bulgarien, Elfenbeinküste, Kamerun (2), Marokko, Polen, Rußland, Togo]. Bis Ende des Jahres wird auch Algerien eine Veranstaltung mit Bezug auf den Tag der deutschen Sprache ausrichten.

Im einzelnen nahmen folgende Vereinsfreunde mit ihren aktiven Mitstreitern am Tag der deutschen Sprache teil: Oliver Baer, Ohorn (Region = PLZ 01); Achim Voigt, Cottbus (03); Marcel Neubauer, Falkenhain (04); Dr. Frieder Spitzner, Auerbach (08); Dr. Kurt Gawlitta, Berlin (10–14); Dr. Wolfgang Betz, Schwerin (19); Hans W. Kaufmann, Hamburg (22); Eberhard Himmel, Lübeck (23); Karl-Ernst Jipp, Kiel (24); Jürgen M. Streich, Alveslohe (25); Hugo Stockter, Wilhelmshaven (26); Eva-Maria Kieselbach, Kassel (34); Andreas Niepel, Wunstorf (31); Adolf Wallbott, Fernwald (35); Jürgen Reichert, Braunschweig (38); Erika Braunshausen, Dortmund (44); Hans-Joachim Thelen, Dorsten (46); Kurt Kösters, Münster (48); Dietmar Kinder, Elsdorf-Heppendorf (50/51); Heiner Schäferhoff, Holzwickede (59); Günter Hollmann, Frankfurt/Main (60); Peter U. Limberg, Darmstadt (64); Günther Kopp, Wiesbaden (65); Dr. Stephan M. Rosentreter, Rottenburg (72); Dieter Maurer, Heilbronn (74); Gerhard König und Joachim Marcks, Karlsruhe (76); Frances Geis, Bühl (77); Dr. Gisela Spieß, Freiburg (79); Peter Roos, München (80/81); Birgit Schönberger und Inge Knigge, Landshut (84); Steffen Kurz, Bergatreute (88); Irene Liefländer, Regensburg (93); Dr. Bernhard Sturn, Wiesentheid (97); Dr. Roland Duhamel, Antwerpen (Belgien); Darina Popstefanova, Varna (Bulgarien); Charles Djokouéhi, Abidjan/Elfenbeinküste; Raphael Ngvedia und Bouia Dongmo, Mednoua/Dschang/Kamerun; Dr. Joseph Mbassi, Yaoundé/Kamerun; Mohammed Chergui, Fes (Marokko); Dr. Jacek Iciaszek, Elblag/Polen; Arina Nemkova, St. Petersburg/Rußland; Mawoussé Tsogbé, Lomé/Togo.

Von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten beteiligten sich nach unserem unvollständigen Kenntnisstand der Norddeutsche Rundfunk, der Westdeutsche Rundfunk, der Südwestdeutsche Rundfunk und der Bayrische Rundfunk mit Interviews, einem Quiz über jugendsprachliche Ausdrücke, Eigensendungen und einem "Anglizismenrundgang" durch Dortmund. Auch der Belgische Rundfunk wies auf den Tag hin. Einige Kultusministerien erwähnten den Tag der deutschen Sprache in ihren Amtsblättern. Zahlreiche Zeitungen nahmen sich des Tages der deutschen Sprache mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten an.

Drei bedenkenswerte Bemerkungen aus der Schwäbischen Zeitung vom 9. 9. 2006 seien hervorgehoben: - "N. K., der Geschäftsinhaber, sieht in fremdsprachigen Produktbezeichnungen kein Problem: "Wegen der Abbildungen wissen die Kunden eigentlich immer, was gemeint ist." - Menschen, die nicht lesen können, also Analphabeten, werden Sachverhalte mit Bildern erläutert. Das ist zum Beispiel bei Kleinkindern üblich. Vor langer Zeit, als der Alphabetisierungsgrad noch gering war, wurden den Gläubigen zum Beispiel biblische Geschehnisse mit Bildern und Skulpturen nahegebracht (Prozessionen). Sind wir bei Produktbezeichnungen auf dem Weg in den Analphabetismus? - "Angekündigt wird dort ein "Outdoorfrühstück". Verkauft wird "Streetwear", es gibt eine "Trekking"-Abteilung, bald findet ein "Nordic-Walking-Kurs" statt. A. B. berät hier Kunden. Sie hat nichts gegen Anglizismen, "solange man weiß, was gemeint ist"." - An diesem Beispiel zeigt sich, daß das Sprachbewußtsein noch nicht bei allen einen spracherhaltenden Stand erreicht hat. Deutsch als eigenständige Sprache zu pflegen, scheint im kurzsichtigen Denken unterzugehen. - "Bei einer Vielzahl von Anglizismen hilft bei Verständnisschwierigkeiten ein Blick in den Duden." - Können wir uns in Deutschland ohne Duden noch aus dem Haus wagen?

Aber es gibt auch ermunternde Lichtblicke in den Pressennachrichten. Noko43 stellte in der Rheinischen Post vom 5. 9. zum Beispiel die Frage: "Aber ist es denn erstrebenswert, häufig derart lässig und schlampig mit unserer Sprache umzugehen, die ja ein Teil unserer Identität ist und deswegen eigentlich einen hohen Stellenwert besitzen sollte?"

"Helmut Faisst ist froh, dass es den »Tag der deutschen Sprache« gibt", das hat er gegenüber der Passauer Neuen Presse vom 9. 9. 2006 geäußert. Eine Zustimmung von vielen für den Tag der deutschen Sprache und unsere Arbeit.

Der nächste Tag der deutschen Sprache ist am 8. 9. 2007.